(1) Sascha Spoun , Präsident der Leuphana Universität Lüneburg:
Wissen wollen

Wer braucht denn jenseits der virtuellen Welt der wachsenden Wikis noch eine Universität als Ort der Zukunft? Jeder, auch auf der Berghütte! Wenn Wissen umfassend und überall verfügbar ist, muss man es trotzdem erwerben. Es verbinden. Es weiterentwickeln. Diese Teilhabe, diese Akkulturation, die Kritik wie die neue Idee entstehen nicht aus dem Nichts. Und nicht alleine. Weder beim Musiker, noch beim Chemiker oder Ökonomen, so genial Einzelne sind. Sie alle brauchen einen Ort, eine Institution, ein Umfeld, Kollegen.

Mit leuchtenden Augen und ein bisschen Stolz in der Stimme berichtet Esther mit Blick auf den zugefrorenen See von ihrem ersten Semester, ihrer ersten Begegnung mit dem Original Max Weber, einem Text des deutschen Soziologen. Sie berichtet von sperrigem Satzbau, altmodischen Worten und unverstandenen Problemen. Von vielen Fragen. Ja, von ewiger Lesezeit für wenige Seiten. Und sie erzählt von ihrer Professorin, wie sie alle diese neue Welt entdecken ließ, aufschloss, zugänglich machte. Esther verstand, was Webers Ethik in der Verwaltung meinen kann. Ihre Theorie über dänische und italienische Subventionsethik wird sie diesen Sommer testen. Die Ergebnisse sind offen. Ihre Nützlichkeit auch. Aber alle an ihrer Universität unterstützen Esther bei ihrem Projekt zum Abschluss des Freshmen-Jahres. Esther erfährt die Freiheit für ihre akademische Arbeit, die das Tor zu großen Leistungen aufmacht. Esther erfährt das Vertrauen, das Menschen, die aus Leidenschaft für die Sache arbeiten, verdienen. Andere sind sowieso nicht an ihrer Universität. Esther erfährt die Unterstützung und Gemeinsamkeit, die sie und ihre Kommilitonen stark machen statt den Nachbarn zum eignen Leuchten wegdrücken zu müssen. Und Esther erlebt die hohen Erwartungen, die in sie und ihre Potenziale gesetzt werden. Sie will nicht enttäuschen.

Esther ist Studentin und Bürgerin einer Universität, die in der Mitte der Gesellschaft steht. Deren Erkenntnisse sind so gefragt, dass selbst öffentliche Vorlesungen in der Stadt wiederholt werden. Deren Stipendien und Lehrstühle tragen die Namen von verstorbenen Gönnern. Deren Kindergarten und Krankenhaus schätzen die Menschen für ihre neuen Methoden. Die Universität wird einem Bodenschatz gleich als Quelle künftiger Wohlfahrt anerkannt, ohne dass fremdes Aussehen und eigenwillige Eigenart schlecht geredet werden. Auch wenn die etwas abstrakten Überlegungen zur Gerechtigkeit nicht umgesetzt werden, so werden sie doch als Chance begriffen für die Welt von morgen. Jeder will es genauer wissen.

(2) Jürgen Zöllner, Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin:
Die Universität als gesellschaftlicher Marktplatz

Die Universität der Zukunft muss eine offene sein, die über Lehre und Forschung nicht nur wissenschaftliche und wirtschaftliche, sondern gesamtgesellschaftliche Entwicklungen prägt. Sie wird das aber nur dann leisten können, wenn sie mehr noch als früher offen ist für einen gesellschaftlichen Input und damit für eine Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Offen heißt aber auch, dass Lehrende wie Lernende im Laufe ihres Lebens immer wieder die Seiten tauschen, d. h. aus der Universität in die Gesellschaft wechseln und zurückkehren.

Diese Vision muss auch Konsequenzen für die Studienplatz- und Hochschulfinanzierung haben: Ich bin davon überzeugt, dass wir keine Studiengebühren brauchen und gleichermaßen kontinuierliche wie unterbrochene Bildungsbiografien und Weiterbildungen ermöglichen müssen. Mein konkreter Vorschlag lautet, ein Bildungsgutscheinsystem einzuführen und diese mit einem kostendeckenden, öffentlichen Finanzierungsmodell "Geld-folgt-Studierenden" zu koppeln: Dieses Modell sorgt einerseits für eine zuverlässige Refinanzierung der tatsächlichen Kosten für das Studium und andererseits für einen qualitätssteigernden Wettbewerb in der Lehre.

Wir brauchen aber auch eine neue Qualität in der Internationalität: Die deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen selbst sind aus sich heraus zu wenig international. Durch die Globalisierung ist unsere Gesellschaft jedoch mit Herausforderungen konfrontiert, denen wir allein auf nationaler Ebene nicht begegnen können - z.B. Umweltschutz, Gesundheit, Verkehr oder die Beschäftigungspolitik. Um in der Wissenschaft einen adäquaten Umgang mit globalen Herausforderungen zu ermöglichen, muss sie in ihrer internationalen Handlungsfähigkeit gestärkt werden. Internationale Kooperation muss daher über projektgebundene Zusammenarbeit hinaus gehen und in einer internationalen Einrichtung neuen Typs verankert werden, in der unsere Spitzenwissenschaftler mit anderen weltweit zusammenarbeiten.

(3) Daniel Opper, Student an der Universität Göttingen :
Die Universität der Menschen

Am letzten Tag meines Studiums ging ich hungrig zu Bett, denn ich war nicht satt geworden in all den Jahren. Ich begann zu träumen. Und plötzlich verschwanden die Wände meines Wohnheimzimmers und ein Boot trug mich in eine Welt, der unseren ganz ähnlich, und doch verschieden. Die Menschen dort waren hungrig wie ich, und so gründeten sie eine Universität, der jeder ein Leben lang angehörte. Und sie nannten sie "Die Universität der Menschen", einen Ort, an dem "lebenslange Bildung" ein humanistisches Ideal sein konnte statt Reflex auf die Wünsche eines gewandelten Arbeitsmarktes. Sowieso waren sie dort so vernünftig und ließen die Maschinen für sich arbeiten, nicht umgekehrt.

"Komm!" rief mir eine Studentin zu, und band mein Boot fest. Sie zeigte mir ihren Campus, auf dem die Grenzen zwischen Schule und Universität zu einer Gesamt(hoch)schule verschmolzen waren. "Jeder ist willkommen, gleich seines Alters oder Herkunft. Die Menschen gehen irgendwann und kommen gerne wieder, um Erfahrungen zu teilen oder neue Fragen zu stellen. Anstelle dafür zu bezahlen, erhalten alle aktiv Studierenden ein Grundeinkommen, das, wie der gesamte Haushalt, rein aus Steuergeldern getragen wird. Dafür werden alle Inhalte und Patente öffentliches Gut, denn Erkenntnisse sollen allen gehören. Die Universität der Menschen ist vollkommen unabhängig von Drittmitteln oder den Launen von Politikern. Stattdessen organisiert sie ihre Ziele selbst in einem Bildungsparlament, zu dem alle ihre Mitglieder wahlberechtigt sind - und das wir alle."

Da verstand ich plötzlich, warum die Menschen hier diesen Ort so liebten. Es war nicht nur der Hunger nach Erkenntnis, der hier gestillt wurde, sondern auch der Durst nach des Menschen kostbarstem Gut, das hier in Überfluss vorhanden war, da kein Mensch es eilig haben musste. In dem Moment klingelte in der Ferne mein Wecker. Ich stieg in mein Boot und löste das Band, da rief mir die Studentin hinterher: "Lass Dir Zeit!"

(4) Walther Ch. Zimmerli , Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus:
Die deutsche Universität im Plural

Was mich daran hindert, eine Vision für die deutsche Universität zu formulieren, ist genau die Aufgabe, eine Vision für die deutsche Universität zu formulieren. Anders gesagt: wir alle leiden an diesem Erbe des Platonismus, die Vielheit auf die Einheit reduzieren zu wollen.

Meine Vision von einer erstrebenswerten Universitätslandschaft in Deutschland ist zunächst einmal: Vielheit.
· Vielfalt der Hochschultypen, von der klassischen Universität über die Fachhochschule bis zur Business School und zur Unternehmenshochschule
· Vielfalt der Finanzierungsmodelle, von den staatlichen über die privaten bis zu den Stiftungsuniversitäten
· methodischer und didaktischer Reichtum: von der frontalen Vorlesung über das Semi-nar bis zum Projektstudium, von der Präsenz- über die Distanz- bis zur blended learning-Einrichtung
· unterschiedliche Kooperationsmodelle: von der klassischen Zusammenarbeit der Hochschulen über Kooperationsnetzwerke mit Firmen bis zur weitgehend virtuellen Einrichtung mit "flying faculties"
· eine bunte Palette von Zielpublika: von der traditionellen Studierendenkohorte (18 bis 25 Jahre) über die Executive-Programme bis hin zu Lifelong Learning (inkl. Kinder- und Seniorenuniversität)

Handelt es sich hierbei nur um Fieberträume eines Pluralismus-Süchtigen? - Nein, vorläufig geht es nur darum, ein staatsmonopolistisches Bildungssystem aufzubrechen, also bloß um eine nachholende Revolution. Alles, was hier beschrieben ist, gibt es schon irgendwo; es kommt darauf an, auch bei uns die Schleusen zu öffnen.
Und wodurch wird das möglich? Ausgerechnet durch die von unseren Systemverteidigern so gescholtene Bologna-Reform, deren visionäres Kernstück besteht nämlich nicht aus den gestuften Studiengängen, sondern in den ungeheuren (und ungenutzten) Möglichkeiten der Modularisierung.