Ein Heimspiel ist das wirklich nicht für Roland Koch. Da steht er auf der Bühne des Cinemaxx im Göttingen und muss sich den Spott eines südniedersächsischen Kreisvorsitzenden anhören. Der hat die Aufgabe, Koch vorzustellen. Und entledigt sich dieser mit einem verschwurbelten Konditionalsatz: "Eigentlich müssen wir Roland Koch dankbar sein." Der Lokalpolitiker macht eine künstlerische Pause, spielt mit den Befürchtungen des Publikums. Dann sagt er schnell und beschwichtigend: "Nicht aus aktuellem Anlass!" Sondern weil Hessen ein Geberland sei, von dessen Finanztransfers das Nehmerland Niedersachsen gehörig profitiert habe. Der Provinzfürst sagt, auf ihn wirke Koch wie "ein jugendhafter Onkel, der Geld mitbringt". Den müsse man doch freundlich empfangen.

Das Publikum in den Kinosesseln klatscht unentschlossen, Koch schaut leicht indigniert. Als er zur Rede ansetzt, wird er schon nach zwei Worten unterbrochen: "Rassistischer Hetzer!", ein langhaariger Aktivist der Göttinger Antifa-Szene hat sich ins Publikum gemischt. Zwei bullige Ordner führen ihn ab. Einige im Kino-Saal rutschen unruhig auf ihren Stühlen herum. So richtig sympathisch ist den hiesigen Christdemokraten der Mann aus Hessen, der die politische Debatte in letzter Zeit mit markigen Worten bestimmte, auch nicht.

Vor Monaten schon hatten die hessische und die niedersächsische CDU verabredet, am letzten Wochenende vor den Landtagswahlen gemeinsam Wahlkampf zu machen. Damals waren die Vorzeichen aus christdemokratischer Perspektive allerdings noch wesentlich entspannter: Die beiden populären und unangefochtenen Ministerpräsidenten Christian Wulff und Roland Koch sollten in Göttingen und Kassel im Rahmen zweier gemeinsamer Veranstaltungen hintereinander auftreten, Geschlossenheit und Stärke demonstrieren und den Sozen zeigen, wer die politischen Promis in Mitteldeutschland sind.

Seit Koch allerdings seine Kampagne gegen kriminelle Ausländerkinder gestartet hat, verliert er nicht nur in den Meinungsumfragen an Zustimmung und muss um seine Wiederwahl fürchten. Auch in anderen Landesverbänden hat er seinen Nimbus als bester Wahlkämpfer der Union eingebüßt. Sich mit Koch sehen lassen, gilt nicht mehr unbedingt als popularitätsfördernd. Heimlich räumen die Strategen der niedersächsischen CDU ein, heilfroh zu sein, dass ihr Landesvater nicht in der Schusslinie der Medien stehe. Koch habe sich die Finger verbrannt, sagen sie. Die niedersächsische CDU hielt sich vornehm aus der Debatte heraus, weswegen Wulffs Wiederwahl nun ungefährdet scheint.

Doch umsonst hat Koch seinen Ruf nicht. Da steht er also auf der Bühne eines dunklen Kinosaales, vor einem latent kritischen Publikum und schafft es dennoch, die Menschen mit wenigen Sätzen zu überraschen und gar zu begeistern. Zunächst der Überraschungseffekt: Koch, der vermeintliche "Hetzer" spricht ja gar nicht über kriminelle Türken und Muslime! Zumindest in den ersten dreißig Minuten seiner Rede nicht. Wie auch schon bei seinen Wahlkampftouren in Hessen, versteht er es geschickt, Rede auf sein Publikum zuzuschneiden. In diesem Fall auf das akademisch-kritische in der Elite-Uni-Stadt.

Dort spricht er über Infrastruktur, über Bildung und Verkehr. Das seien die wesentlichen Faktoren, die über "den Erfolg eines Landes entscheiden". Abstrakt, aber durchaus fesselnd analysiert er die Globalisierung und den Strukturwandel. Koch argumentiert wirtschafts-, nicht gesellschaftspatriotisch. Ginge es der deutschen Wirtschaft gut, profitierten davon auch die Bürger. Das ist eine andere Sprache als in den Bürgerhäusern von Homburg (Efze) oder im Vogelsbergkreis. Plötzlich redet er von "Menschen aus Santa Monica Beach", die nach Hessen kommen sollen, und nicht mehr von Migranten, die das Land so schnell wie möglich zu verlassen haben. Er sagt, ihm und Wulff ginge es eigentlich um das Gleiche, nämlich: um eine "freiheitliche, wirtschaftsorientierte Politik, die dafür sorgt, dass es den Menschen gut geht".