Wahlkampf ist ja so anstrengend! Gerade hat sie es schon wieder gesagt, zum fünften Mal binnen weniger Stunden: Das Programm, das sie gerade absolviere, sei kein "Energiesparprogramm", diese Wochen kosteten enorme "Kraft". Es ist nicht nur die zentrale Message, die sie den 45 Journalisten mitteilt, die sie einen Tag lang begleiten. Die hessische SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti begrüßt so auch ihr Publikum in den Bürgerhäusern und Betriebsversammlungen. Sie macht Wahlkampf mit Leidensmiene.

Ein bisschen scheint das auch Matthias Platzeck zu stören, den früheren Kurzzeit-SPD-Parteichef, der Ypsilanti bei einem Termin in Mühlheim am Main unterstützt. Als er nach Ypsilanti ans Rednerpodium tritt, sagt er allenfalls halbironisch: "Wahlkampf macht auch Spaß, Andrea!" Und dann hält er eine große sozialdemokratische Rede, über Freiheit, Aufbruch, Geschichte und Zukunft, die Ypsilanti vor eigenem Publikum in den Schatten stellt. Hatten die Mühlheimer ihre Ausführungen, ihre Kritikpunkte an Roland Koch, vorher mit eher höflichem Applaus bedacht, erreicht der Brandenburger Ministerpräsident die Herzen: Sie nicken und klatschen schon, bevor er die Sätze beendet hat.

Nur eine Person scheint kaum von Platzecks Bann gefangen zu sein: Ypsilanti sitzt auf dem Podium und kaut mit ausdruckslosem Gesicht ein Stück Streuselkuchen. Als Platzeck ein zweites Mal ihren Namen nennt, erschrickt sie fast, reißt sich kurz zusammen - und schweift dann wieder ab.

Platzeck und Ypsilanti unterscheiden sich nicht nur in ihren rhetorischen Fähigkeiten. Auch politisch repräsentieren sie zwei unterschiedliche Pole der SPD. Platzeck nennt den Altkanzler Schröder "ein Vorbild", lobt Hartz IV und die Agenda-Politik. Ypsilanti dagegen hat offenbar keine Vorbilder, sie nimmt nie Bezug zur Geschichte, zu den Stammvätern und -wählern ihrer Partei. Zur Sozialdemokratie vor ihr sagt sie lediglich ein paar Mal: "Da ist einiges falsch gelaufen."

Kein Wunder. Denn ihren innerparteilichen Aufstieg verdankt sie ihrem Oppositionskurs gegen die rot-grüne Bundesregierung. Am Siedepunkt der allgemeinen Unzufriedenheit erklomm sie im Frühjahr 2003 die Spitze der hessischen SPD. Ypsilanti, die mit 29 Jahren als Seiteneinsteigerin, gelernte Stewardess und studierte Soziologin der Partei beitrat, machte Karriere als Sprachrohr des Protests.