Die EU-Kommission wollte vergangene Woche der Welt demonstrieren, dass sie es ernst meint mit Europas Vorreiterrolle im Klimaschutz: eine verbindliche Reduzierung der Kohlendioxid-Emissionen um 20 Prozent bis 2020; mehr, nämlich 30 Prozent, wenn der Rest der Welt dem Beispiel folgen sollte; hohe Geldbußen für jene Mitgliedsstaaten, die zaudern oder die Ziele verpassen; exakte Vorgaben auch für den Anteil erneuerbarer Energieträger am Energiehaushalt aller Mitgliedsländer.

Gleichwohl winkten viele Umweltschützer enttäuscht ab, sagten "zu wenig und zu spät". Dabei sind selbst diese Zielvorgaben äußerst  ambitiös und könnten am Ende verfehlt werden.

Sie bedürfen ohnehin noch der Zustimmung aller EU-Staaten, die nicht als selbstverständlich erachtet werden kann. In mehreren Mitgliedsländern, selbst in Deutschland, sind Äußerungen des Unwillens aus der Wirtschaft zu vernehmen. Und sollte dieser Widerstand überwunden werden, bleibt es fraglich, ob der Rest der Welt gewillt ist, dem europäischen Beispiel zu folgen und der eigenen Wirtschaft ähnliche Auflagen aufzubürden.

Die Klimakonferenz von Bali gab einen Hinweis darauf, dass davon nicht die Rede sein kann. Infolgedessen besteht die Gefahr, dass die EU allein die Wettbewerbsfähigkeit ihrer eigenen Industrien durch Umweltauflagen beeinträchtigt und auf Tarife und Schutzzölle zurückgreifen muss, um das Missverhältnis auszugleichen.

Überdies hat es bisher kein einziges europäisches Land geschafft, den Zielen des Kyotovertrages nachzukommen und die CO2-Emissionen tatsächlich zu reduzieren. Die Frage ist, ob dies in Zukunft anders werden wird.

Man sollte meinen, dass die zunehmend einhelligen und dringlichen Warnungen der Wissenschaft sowie der dramatische Anstieg des Ölpreises gute Voraussetzungen dafür böten, die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu verringern und den Anfang vom Ende des Kohlezeitalters einzuläuten. Doch die Realität sieht anders aus . In Wahrheit ist die Welt weiter denn je davon entfernt, auf fossile Brennstoffe verzichten zu können. Mit Fug und Recht kann man vom Beginn eines neuen Carbonzeitalters sprechen, wobei das unter Umständen noch schmutziger und emissionsreicher ausfallen könnte als jenes, das hinter uns liegt.

Der Grund dafür ist simpel. Der Energiebedarf der Welt steigt mit wachsender Industrialisierung und Bevölkerung. Man wird auf alle verfügbaren Energieträger zurückgreifen müssen, und die fossilen unter ihnen werden wie bisher das Fundament der Versorgung bilden. Je teurer Öl und Gas aber werden, desto attraktiver wird zwangsläufig Kohle.

Die Renaissance von "König Kohle" hat längst begonnen. Überall in der Welt entstehen neue Kohlekraftwerke, in Europa, Amerika und vor allem Asien. China baut die Kohleenergie in geradezu atemberaubendem Tempo aus. Doch selbst die Europäer müssen mittun. Gerade erst gab Großbritannien grünes Licht für den Plan des Energiekonzerns E.on, in der Grafschaft Kent ein neues Kohlekraftwerk zu errichten. Die Zusage löste in grünen Kreisen helles Entsetzen aus. Ähnlich die Stimmung in der Bundesrepublik angesichts der Absicht, insgesamt 26 neue bzw. erneuerte Kohlekraftwerke zu bauen, "effizienter" und "sauberer" zwar als die alten Werke, aber immer noch ausgemachte "Klimakiller" in den Augen von Umweltschützern. 

Der Preis für Kohle beträgt mittlerweile beinah nur noch ein Zehntel des Preises fürs Öl. Kohlereserven sind im Überfluss vorhanden, sie reichen nach vorsichtigen Schätzungen selbst bei erhöhtem Verbrauch für 250 bis 300 Jahre. Der Preisfaktor hat besonderes Gewicht für die asiatischen Industrienationen.

Über saubere Kohletechnologien wird viel geredet; doch sie stehen noch nicht einmal im reichen Westen zur Verfügung. Es führt kein Weg daran vorbei: Kohlendioxidemissionen werden unweigerlich zunehmen.  

Zusammen mit Kohle dürfte auch die Atomenergie in den nächsten Jahren stetig an Bedeutung gewinnen. Beide werden Bestandteile der Energiestrategie der meisten Länder bilden, auch in Europa. Selbst Deutschland wird sich auf Dauer seine nukleare Abstinenz kaum leisten können. Wenn das ganze Land mit Windmühlen überzogen, würde es nicht reichen, zumal konventionelle Kraftwerkskapazitäten für den Fall zur Verfügung stehen müssten, dass der Wind nicht weht.

Kohle und Kernkraft, ergänzt um den Beitrag erneuerbarer Energien , sind überdies die einzige Chance, die Abhängigkeit von Ländern zu verringern, die uns nicht unbedingt freundlich gesonnen sind. 

In Großbritannien hat sich die Labourregierung nach langem Zaudern dazu durchgerungen, neue Atomkraftwerke zu erlauben . Langfristig soll der nukleare Anteil an der Stromerzeugung von heute 20 auf 40 Prozent verdoppelt werden. Damit geht ein Moratorium zu Ende, das de facto 20 Jahre lang herrschte.

Atomenergie war in Großbritannien beinah so umstritten wie in Deutschland. Das lag nicht zuletzt an Sellafield, der Wiederaufarbeitungsanlage für radioaktiven Müll im englischen Nordwesten, die in den 80er Jahren nach Serien von Lecks vom Technologie-Auschuss des Unterhauses als nukleare "Dreckschleuder" bezeichnet worden war. Aber wer immer auch am Ruder war, ob Labour oder Konservative - die britische Politik vermied einen Atomausstieg nach deutschem Vorbild. 

Heute stoßen Londoner Minister einen Seufzer der Erleichterung aus: Zumindest bleibt ihnen die politisch ungemein schwierige Operation erspart, einen unhaltbar gewordenen Beschluss zurücknehmen zu müssen. Und die Zeit drängt: Die alten gasgekühlten britischen "Magnox"-Reaktoren nähern sich dem Ende ihrer Laufzeit. Angesichts der langen Vorlauffristen - der erste neue Reaktor wird nicht vor 2019 ans Netz gehen können - war die Entscheidung für den Neubau überfällig. Großbritannien will auch vermehrt Wind-, Gezeitenenergie und andere alternative Energieträger nutzen, doch ihr Anteil wird recht begrenzt bleiben und nicht reichen, den wachsenden Energiebedarf zu decken.

Wohin man in der Welt auch schaut, überall sieht es ähnlich aus. Der explodierende Ölpreis , der kurz vor Weihnachten erstmals über die hundert Dollar Markierung stieg, erzwingt diesen Energiemix. Doch das heißt ganz und gar nicht, dass der Öldurst der Welt auf absehbare Zeit hin abnehmen wird. Er wird weiter zunehmen. 

Mehrere Faktoren sind da am Werk: Die  Weltwirtschaft wächst nun bereits im vierten Jahr um real fünf Prozent; die chinesische und die indische Nachfrage nach Öl wuchsen schneller als erwartet, und an diesem Trend wird selbst eine Rezession in Amerika wenig ändern.

Derzeit verbraucht die Welt Rekordmengen von täglich 85 Millionen Fass. Tendenz: weiter steigend. Die Prognosen mancher Geologen haben sich bislang nicht erfüllt, wonach "Peak Oil" unmittelbar bevorstünde, jener oft beschworene Augenblick, an dem der Höhepunkt der Förderung erreicht und überschritten wird, von dem an es unweigerlich bergab gehen und der Kampf um den kostbaren Saft noch härter wird. Manche Geologen warnten seit Jahren, die Welt müsse sich darauf einstellen, fortan mit einer schrumpfenden Ölförderung auszukommen. 

Doch scheint genug Öl vorhanden zu sein, um die Welt noch im Jahr 2030 mit 115 Millionen Fass pro Tag zu versorgen. Die internationale Energieagentur sieht zwar einen "crunch" auf die Welt zukommen; es wird Engpässe der Versorgung geben, doch nur deshalb, weil der Bedarf schneller wächst als die Förderung. Jeroen van der Veer, CEO von Shell, warnte vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos, "konventionelles Öl und Gas" könnten in ein paar Jahren nicht mehr den wachsenden Energiebedarf der Welt decken.

Was also tun große Konzerne wie BP und Shell? Sie investieren massiv in unconventional oil , in Ölvorräte, die in Sand und Schiefer liegen und die zu fördern eine äußerst schmutzige, energieintensive Angelegenheit darstellt. Die Opecstaaten wollen in den nächsten fünf Jahren 150 Milliarden Dollar investieren, um mehr Öl als je zuvor aus Wüstensand und Meeren herauszupumpen. Das Engagement in Sonne und andere erneuerbare Energien, das die Ölkonzerne in den letzten Jahren werbewirksam herausgestrichen hatten, wird dagegen zurückgefahren. Es rechnet sich offenbar nicht. Selbst die Versuche mit Carbonsequestration, also der Speicherung von Kohlendioxid in der Erde oder unter dem Meeresboden, will nicht recht vorankommen.

John Gray, britischer Soziologe und entschiedener Globalisierungskritiker, ist davon überzeugt, dass die Welt unaufhaltsam auf eine Katastrophe zumarschiert, wirft grünen Klimaschützern deshalb Naivität vor. Es bestehe nicht die "geringste Aussicht", die Welt von fossilen Brennstoffen abzubringen. Zumindest darin muss man Gray zuzustimmen.

Unsere Weltzivilisation ist auf fossilen Ressourcen aufgebaut, auf Kohle, Öl und Gas. Diese Substanzen sind nach wie vor unersetzlich für das Funktionieren und den Fortbestand dieser globalen Zivilisation, die einer rapide wachsenden Bevölkerung mehr Mobilität, Wohlstand und Wärme beschert hat und weiter bescheren soll. Derzeit und auf Jahre hinaus können nur fossile Energieträger den Bedarf decken, nach dem eine Welt verlangt, die sich dem Prinzip grenzenlosen Wachstums verschrieben hat. Die Länder, in deren Boden die fossilen Ressourcen liegen - Russland, Venezuela, die Staaten des islamischen Halbmondes - werden im ureigenen Interesse soviel davon wie möglich fördern, solange Bedarf besteht.

Mehr Energieverbrauch, mehr Emissionen - das sind die harten Tatsachen, denen man sich stellen muss. Es käme folglich einem Wunder gleich, gelänge es, den Ausstoß von Kohlendioxid in den nächsten 15 Jahren herunterzufahren.