In New York leben Menschen aus 196 Ländern zusammen, mindestens. Es mag die ein oder andere südpazifische Insel geben, die noch niemanden hierher entsandt hat, aber das wäre Zufall. Auf den ersten Blick ist New York ein großes, buntes Multi-Kulti-Paradies. Erst der zweite und dritte Blick erschließt, dass es ein wenig komplizierter ist.

Von den mehr als acht Millionen New Yorkern sind 40 Prozent im Ausland geboren, 25 Prozent sind schwarz, 30 Prozent Latinos, die meisten aus Puerto Rico, Mexiko oder der Dominikanischen Republik. Es gibt vier bis fünf Millionen Katholiken und eine Million Juden, vielleicht eine halbe Million Moslems aus Pakistan, Indonesien oder Bangla Desh, hinduistische Inder und buddhistische Chinesen, Immigranten aus Gambia, Trinidad und Tobago und Myanmar. WASPs, weiße Protestanten stellen 4,6 Prozent der New Yorker. US-weit sind es etwas mehr als 60 Prozent, man kann sich also vorstellen, wie New York vom Mittelwesten aus gesehen wird.

Unter denen, deren Vorfahren aus England, Deutschland oder Holland kamen, gibt es wenige kulturelle Unterschiede. Die Iren begreifen sich noch als eigene ethnische Gruppe, auch die Italiener. Zwei Little Italys gibt es in New York, wovon eines gerade von Kosovo-Albaner übernommen wird. Die 32nd Street zwischen Fifth Avenue und Broadway heißt Little Korea. Jedes einzelne Haus ist bis zum Dach mit koreanischen Karaoke-Restaurants, Reisebüros, Sprachinstituten, Nagelsalons und Banken gefüllt.
Eva Schweitzer BILD

In Chinatown gibt es Blöcke, wo nur Hongkong-Chinesen wohnen, oder nur Taiwanesen oder Vietnamesen. In Gravesend, Brooklyn, lebt eine Community syrischer Juden, die dürfen nur andere syrische Juden heiraten, sonst werden sie und ihre Kinder und Enkel aus der Familie ausgestoßen. Es gibt Little Odessa, Little Pakistan und Little India.

Ethnische Identität in New York ist ein vermintes Pflaster. Man muss immer so tun, als sei es egal, woher jemand stammt, tatsächlich aber definieren sich alle New Yorker über ihre Herkunft. Nicht unbedingt ihre eigene, es gibt Deutsche, die so tun, als seien sie Iren oder Schwarze aus Alabama, die so tun als kämen sie aus Jamaica. Diners werden von Griechen geführt, französische Bistros von Israelis, Pizzerias von Libanesen. Aber wenn man eine Wohnung braucht, einen Buchvertrag oder einen Liebhaber, ist es ratsam, die Fühler auszustrecken, woher das Gegenüber stammt. Unauffällig natürlich.

Das Vielvölkergemisch auf der Straße täuscht. Dort, wo Fäden gezogen und Entscheidungen gefällt werden — in der Politik, der Wall Street, den Medien —, sind Weiße in der übergroßen Mehrzahl. Auf Konzerten, im Theater, bei Debatten, selbst bei Demonstrationen sind sie fast unter sich. Einen einzigen schwarzen Bürgermeister hatte die Stadt bisher, keinen puertoricanischen. Es gibt die „Harlem Machine“, ein Klüngel schwarzer Demokraten, die Puertoricaner haben einen Brückenkopf in der Bronx, beide können sich querstellen, wenn es um ihre Interessen geht, aber die Stadt regieren sie nicht.