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Der Wahlkampf in Hessen, der wochenlang die ganze Bundesrepublik aufgewühlt hat, neigt sich dem Ende zu - und schlägt letzte Kapriolen. Roland Koch hat die Pressevertreter am Freitag noch einmal in die CDU-Landesgeschäftsstelle nach Wiesbaden geladen. Er gibt sich selbstbewusst, siegesgewiss. Er wisse zwar, dass es diesmal eng werde, sagt er. Deswegen seien die letzten beiden Wahlkampftage so wichtig. Er selbst wolle sich nicht schonen und noch einmal landauf, landab Infostände besuchen, Autokolonnen anführen und Nudeln kochen, verspricht er. Aber unterm Strich sei er absolut „optimistisch“, auch nach dem Sonntag Ministerpräsident zu bleiben. Mindestens fünf Mal sagt er das binnen einer Stunde.

Ist das Pfeifen im Walde? Auf Fragen der Journalisten nach dem eher unappetitlichen Teil seines Wahlkampfs, nach Ausländerkindern und Kommunisten, die in Hessen angeblich die Macht ergreifen wollen, antwortet Koch jedenfalls einsilbig und abweisend. Sichere Sieger sehen anders aus.

Tatsächlich scheint sich auch bei einem nicht unerheblichen Teil des bürgerlichen Lagers die Auffassung durchzusetzen, dass Koch mit seiner starken Polarisierung „die falschen Themen im Wahlkampf“ gesetzt hat, wie Walter Wallmann jüngst in einem Interview sagte. Wallmann war vor Koch der erste und bis dahin einzige christdemokratische Ministerpräsident, den Hessen je hatte. Er kam vom liberalen Flügel der CDU.

Eben weil das Land so lange, nämlich mehr als 40 Jahre lang, sozialdemokratisch regiert worden ist, fürchtet die CDU offenbar den erneuten Gang in die Opposition so sehr, dass sie immer häufiger danebengreift. Und eben deshalb entwickelte sich die Partei in der Schlussphase des Wahlkampfs wieder zu jener „Kampftruppe“, wie sie es einst unter Alfred Dregger und Manfred Kanther war.

In diesem kampferprobten Teil des bürgerlichen Lagers scheinen angesichts steigender Umfragewerte der SPD und des Kopf-an-Kopf-Rennens die Nerven blank zu liegen. Zu den bisherigen anstößigen Wahlkampf-Parolen der CDU haben sich jedenfalls in der Endphase zwei neue Entgleisungen hinzugesellt, die Roland Koch gar nicht mehr kommentieren möchte.

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Zum einen ist da Christean Wagner. Der CDU-Fraktionschef im Landtag sagt dem ARD-Magazin Monitor , Menschen, die „Scheiß-Deutsche“ sagten wie jene Schläger in München, gehörten ausgewiesen. Eine völlig absurde Forderung.

Zum anderen ist da der FDP-Chef, Jörg-Uwe Hahn, ein alter Koch-Vertrauter und Urlaubsgefährte. Er verglich den Chef und Spitzenkandidaten der hessischen Grünen, Tarek al-Wazir, mit niemand Geringerem als mit NS-Reichspropagandaminister Joseph Goebbels. Al-Wazir, ein pfiffiger Redner mit jeminitischem Vater, hatte Kochs Tugenden-Katalog persifliert, nach dem das Tragen von Burkas in Schulen und das Schächten in der Küche verboten werden sollen, und er hatte - erkennbar ironisch - darüber gesprochen, was „anständige Hessen“ zu tun und zu lassen haben. Hahn wollte die Ironie überhören, er erinnerte daran, dass das ein Schlagwort der Nazis gewesen sei.

Auch die Plakate von CDU und FDP weisen deutliche Zeichen eines verbitterten Lager-Wahlkampfs auf. Von Kassel bis Darmstadt haben beide Parteien sie mit demselben gift-orangefarbenen Aufkleben versehen: „Linksruck verhindern!“ Sie sollen kurz vor Schluss eigene, wankelmütige Anhänger doch noch an die Urnen treiben.

Die Führungen von CDU und FDP haben sich abgestimmt, sie halten treu aneinander fest. Koch konnte sich schon einmal nur aufgrund der Unterstützung der Liberalen im Amt halten: 2000, als er in der hessischen CDU-Affäre der Unwahrheit überführt worden war, stütze ihn die Landes-FDP, obwohl deren Bundesspitze damals einen Ausstieg aus der Koalition forderte.

Die FDP hat sich auch diesmal auf Koch festgelegt. Das hat für sie allerdings den unliebsamen Effekt, dass sie für die Parolen der CDU in Mithaftung gezogen wird, was nicht allen Liberalen schmeckt. Heimlich schimpfen einige auf „die Ultras“ beim Wunschkoalitionspartner.

Ganz anders ist die Stimmung im rot-grünen Lager. Kochs Gegner bekommen in den letzten Tagen ausgesprochen gute Umfragewerte und freundliche Pressekommentare. Entsprechend verhalten sie sich: breitbrüstig und siegesgewiss. Die SPD-Abschlusskundgebung am Donnerstagabend in Wiesbaden ist prall besucht. Die Rede von Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, in der sie eine „mutige Wirtschaftspolitik“ ankündigt und den „hemmungslosen Kapitalismus der CDU“ geißelt, wird ordentlich beklatscht.

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Richtig beginnt die Party im Kursaal aber erst, als Ypsilanti beginnt, auf Koch zu schimpfen. Sie habe einen „sachlichen Wahlkampf“ geführt, Kochs niederes Rezept dagegen heiße: „Wahlkampf mit Angst“. Als sie auf das CDU-Plakat „Ypsilanti, al-Wazir und die Kommunisten stoppen!“ zu sprechen kommt, erntet sie erregte Pfui-Rufe. Die früher mit einem Griechen Verheiratete sagt: „Jeder, der mir fünf Minuten zuhört, weiß, dass ich waschechte Hessin bin.“ Und sie freue sich schon darauf, mit dem „Offenbacher Bub“ al-Wazir zu koalieren.

Die Genossen toben vor Glück. Keine Frage, Koch ist der stärkste Kitt der linken Parteien. Auch bei den Grünen zwei Tage zuvor war der Moment, als al-Wazir gegen Koch sprach, der meist bejubelte.

Kurt Beck legt noch eins drauf, auch er hat Oberwasser momentan. Der SPD-Chef hat erst Ypsilantis Rede aufmerksam zugehört, anschließend nimmt er sich im Wiesbadener Kursaal 20 Minuten lang Koch vor. Beck spricht von einer „politischer Sauerei“, von „konservativen Wahnsinnsideen“, von „der heiligen Familie, die auch verjagt worden ist“ und von der „Peinlichkeit“, dass Koch sagt, er setze auf Leute, die sich nicht trauen, den Meinungsforscher zu sagen, dass sie CDU wählen.

Am Ende umarmen sich Beck und Ypsilanti innig auf dem Podium. Beck legt beide Pranken um die zierliche Frau. Da stehen sie also auf der Bühne und werden gefeiert, die beiden Repräsentanten der Nach-Schröder-SPD. Sie haben die SPD inhaltlich, optisch und stilistisch gehörig verändert. Beck verweist nicht von ungefähr mehrfach auf das sozialstaatsfreundliche, linke Hamburger Programm, das unter ihm als Parteichef verabschiedet worden ist. Und Ypsilanti spricht nicht von ungefähr von „einer neuen politischen Kultur“, nicht nur in Hessen, auch in der SPD. Gewinnt sie am Sonntag, ist auch der Pfälzer stark wie nie.