Nichts bewegt sich in Hessen. Eine neue Regierungsmehrheit ist nicht in Sicht, auch wenn SPD-Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti und der FDP-Vorsitzende Jörg-Uwe Hahn inzwischen ein vertrauliches Gespräch vereinbart haben. Die Fronten stehen. Hier CDU und FDP, dort SPD und Grüne, und am linken Rand die Lafontaine-Truppe.

Auf den ersten Blick hat das Ergebnis der Wahlen in Hessen und Niedersachsen die Lagerlogik im bundesdeutschen Parteiensystem sogar noch verstärkt. Die Strategien der Parteien sind starr auf September 2009 ausgerichtet, dann wird ein neuer Bundestag gewählt. Die Landtagswahlen in diesem Frühjahr sowie die anschließende Regierungsbildung wurden von allen Parteien und Medien so sehr zu einem Testlauf stilisiert, dass alle Parteien nun in ihren machtstrategischen Schützengräben verharren.

Dabei sollten vor allem FDP und Grüne ein Interesse daran haben, diese zu verlassen. Früher oder später werden sie sich gegenüber dem anderen Lager öffnen müssen, denn in einem Fünf-Parteiensystem brauchen beide Parteien mehr als eine Option, um sich zu behaupten. Wann, wenn nicht jetzt, wäre ein geeigneter Zeitpunkt, um sich flexibel zu zeigen und zum machtstrategischen Trendsetter zu werden?

Grüne und FDP verharren aber in der Defensive. Die Landtagswahl in Hessen ist für sie alles andere als optimal verlaufen. Die Grünen gehören sogar eindeutig zu den Verlierern, sie haben etwa ein Viertel ihrer Wähler eingebüßt, und zwar gleichermaßen an die SPD und die Linke. Auch in Niedersachen haben die Grünen 30.000 Stimmen verloren, fast ausschließlich an die Linken. Rot-Grün ist keine Machtoption mehr, weder in den meisten Bundesländern noch im Bund. Auch Hamburg, wo am 24. Februar eine neue Bürgerschaft gewählt wird, drohen hessische Verhältnisse.

Die FDP hingegen feiert sich als einer der Wahlsieger, dabei ist auch dies relativ. In Hessen haben die Liberalen zwar deutlich zugelegt, allerdings konnte die Partei nur einen kleinen Teil der Wähler, die sich von der CDU abgewendet haben, für sich gewinnen. Und anders als in Niedersachen reicht es nicht für eine bürgerliche Mehrheit.

Statt über neue Optionen zu sprechen, etwa über eine Ampel-Koalition, will die FDP lieber in die Opposition gehen. Die Liberalen haben die Bundestagswahl 2009 fest im Blick, dann soll es endlich klappen mit der bürgerlichen Mehrheit, die 2005 verfehlt wurde. Dafür hat sich die FDP fest an die Union gebunden. Sie profitiert von ihrem radikalen wirtschaftsliberalen Kurs und von Leihstimmen unzufriedener CDU-Wähler. Nur: Wähler, die bereit sind, ins andere politische Lager zu wechseln, gewinnt sie so nicht. Im Gegenteil: Zählt man Niedersachsen und Hessen zusammen, haben CDU und FDP am Sonntag insgesamt etwa 800.000 Wähler verloren. Die "bürgerliche Mehrheit" könnte sich also in anderthalb Jahren als große liberale Lebenslüge entpuppen.

Die Lagerlogik drängt FDP wie Grüne in die babylonische Gefangenschaft von CDU und SPD. Politisch-kulturell fühlen sie sich dort offensichtlich wohl, und die Angst, sich daraus zu befreien, ist angesichts der fragilen politischen Verhältnisse und der bevorstehenden Umbrüche im Parteiensystem offenbar gewaltig.