„Die Machthaber China ernähren sich nach dem Grundsatz: Vierbeiniges ist nicht so gut wie Zweibeiniges, Zweibeiniges ist nicht so gut wie Einbeiniges (Pilze) und Einbeiniges ist nicht so gut wie Beinloses (Fische)“, verrät Li Ruifen, Direktor der Ernährungsabteilung des Hauptmilitärkrankenhauses des Militärbezirks Nord, in dem sich auch die Hauptstadt Peking befindet. Und Li Ruifen muss es wissen. Denn mit mehr als 60 Jahren Berufserfahrung ist er so etwas wie Chinas Ernährungs-Papst und in seiner Stellung eine von den Pekinger Machthabern in Ernährungsfragen oft zu Rate gezogene Autorität.

Nun haben Schweine bekanntlich vier Beine. Von daher wäre zu erwarten gewesen, dass die Staats- und Parteiführung diesen Tieren keine besondere Beachtung schenken würde. Aber das genaue Gegenteil ist der Fall – nicht nur, weil 2007 nach traditionellem chinesischen Kalender ein „Jahr des Schweins“ war oder weil wegen eines Ausbruchs der „Blauen-Ohren-Krankheit“ die Entwicklung des Schweinefleischpreises die politisch hochsensible Inflationsrate nach oben schnellen ließ. Sondern vor allem, weil sich ein Unternehmen namens „Fröhlicher Kranich“ an die Presse wandte und erklärte, durch das Gewinnen der entsprechenden Ausschreibung offizieller Schweinefleisch-Lieferant der XXIX. Olympischen Sommerspiele in Peking geworden zu sein. Um der großen Verantwortung gerecht zu werden, werde sich das Unternehmen nun daran machen, ein spezielles Schweinefleisch zu produzieren. Denn schließlich würden die Athleten bei dem Verzehr des handelsüblichen Schweinefleischs aufgrund der bei der Zucht verwendeten Wachstumshormone positive Dopingtestergebnisse riskieren.

Die staatlichen Medien meldeten stolz, das spezielle Schweinefleisch für die Athleten sei zwar 40 bis 60 Prozent teurer. Es gehe hier aber um eine politische Verantwortung - und da könne man nicht auf die Kosten sehen. Die Sonderbehandlung ausländischer Gäste sei auch deshalb gerechtfertigt, da hierdurch die in China seit alten Zeiten herrschende Gastfreundschaft unterstrichen werde.

Die Nachricht verbreitete sich aber nicht nur über die staatlichen Kanäle, sondern auch in den Internet-Chatrooms und Blogs der mittlerweile etwa 115 Millionen chinesischen Web-Nutzer. Und wie das in einem Land mit unfreier Presse nun einmal so ist, kamen in diesen informellen Kanälen weitere Einzelheiten hinzu: Die Schweine seien auf zehn geheimen Bauernhöfen untergebracht und würden rund um die Uhr mit Videokameras überwacht. Sie bekämen nur Öko-Futter und anstatt der üblichen Antibiotika eine Behandlung mit traditioneller chinesischer Medizin. Um nicht zu fett zu werden, müssten sie täglich zwei Stunden Sport treiben. Danach bekämen sie Massagen und Kräuterbäder.

Kann das wirklich sein, dass die chinesischen „Olympiaschweine“ eine komplette Spa-Behandlung erhalten? Die Recherche im Internet ergibt Folgendes: Bei der Eingabe des Suchbegriffs „olympic pig“ bei google.com berichtet der erste Treffer zwar nur über die dritte Schweineolympiade, die vor über einem Jahr in Moskau stattfand und bei der Schweine aus sieben Ländern unter anderem mit einem mit Fischöl eingeriebenen Ball gegeneinander spielten. Dieser Treffer ist in China aber trotzdem blockiert (weil er auf einer BBC-Website steht). google.cn-Nutzer brauchen sich darüber jedoch nicht zu ärgern, denn ihre Suchmaschine zeigt diesen Treffer gar nicht an.

Wichtiger ist aber ohnehin die chinesische Suche mit den entsprechenden Schriftzeichen (aoyun zhu). Diese ergibt bei google.cn folgende Treffer: Zuerst die Nachrichtenseite sina.com. Hier steht, der Reporter Hou Hongmei habe bei dem vortägigen Besuch des Pekinger Landwirtschaftsamts, des Amts für Handelsangelegenheiten, der Industrie- und Handelsamtes, der Nahrungsmittelbehörde und weiterer relevanter Kontrollämter der Regierung  festgestellt, dass diese alle bereits seit vielen Jahren mit erheblichem Kraftaufwand den Markt für Schweinefleisch geordnet und mit mehreren Hightech-Maßnahmen das Sicherheits- und Qualitätsniveau von Schweinefleisch und anderen Lebensmitteln verbessert hätten. Es folgt noch eine Fülle statistischer Angaben über den Pekinger Schweinefleischmarkt. Offen bleibt da nur die Frage, welcher Kraftaufwand größer war: der des Reporters Hou Hongmei, der so viele Ämter und Behörden an einem einzigen Tag besucht hat, oder der der entsprechenden Ämter und Behörden bei der Marktregulierung.