ZEIT online: Boris Tadic hat die Präsidentschaftswahl in Serbien gewonnen. Europa atmet auf. Zu Recht?

Dusan Reljic: Die Gefahr einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Belgrad und den Kosovo-Albanern ist jetzt in der Tat geringer geworden. Tadic hat immer betont, er werde mit allen legitimen, rechtlichen Mitteln streiten, um Kosovos Unabhängigkeit zu verhindern, aber keine Gewalt anwenden. Nach der Wahl von Tadic ist es aber paradoxerweise für die Europäische Union in Südosteuropa politisch schwieriger geworden.

ZEIT online: Inwiefern?

Reljic: Hätte der Ultranationalist Nikolic gewonnen, hätte sich kein Mensch darüber aufgeregt, wenn die führenden EU-Staaten Kosovo umgehend anerkennen würden. Jetzt, wo der Kandidat der EU gesiegt hat, ist die Haltung der EU gegenüber Serbien in Sachen Kosovo zumindest moralisch schwerer vertretbar geworden. Zudem hat die EU das Problem, die rechtlichen Grundlagen für ihre Mission im Kosovo zu bestimmen, die die UN-Verwaltung dort ablösen soll.

ZEIT online: Dennoch ist es nur noch eine Frage von Tagen, dass Thaci die Unabhängigkeit des Kosovos erklärt.

Reljic: Nach der jetzigen Lage müsste der UNMIK-Chef (Übergangsverwaltung der UN im Kosovo, Anm. Red.) Joachim Rücker bei einer einseitigen Erklärung der Unabhängigkeit des Kosovo durch die Kosovo-Albaner das Parlament in Pristina auflösen, diese Erklärung für null und nichtig erklären und Herrn Thaci nach Hause schicken. Für weitaus geringere Verstöße gegen das UN-Mandat in Bosnien und Herzegowina sind zahlreiche demokratisch gewählte Politiker von ihren Ämtern enthoben worden.

ZEIT online: Eine solche Erklärung des UNMIK-Chefs ist aber schwer vorstellbar.

Reljic: Wenn die UNMIK die einseitige Ausrufung der Unabhängigkeit nicht verhindert, wird vielerorts die weitere Rechtmäßigkeit der UN-Mission infrage gestellt werden. Die UN-Resolution 1244 ist klar: Der Sinn der UN-Mission ist, eine "meaningful Autonomy" für den Kosovo zu herzustellen. Serbiens territoriale Integrität wird in dieser Resolution mehrfach bestätigt.

ZEIT online: Sind Sie sicher, dass es keinen militärischen Einsatz Serbiens geben wird, falls die Kosovo-Albaner ihrer Unabhängigkeit erklären?