Das Buch: Die dreizehnjährige Kitty lebt in einer Familienidylle im Haus ihrer Großeltern in der englischen Provinz. Leider entspricht dieses Leben so gar nicht den Wünschen ihrer Mutter Marina, die jünger ist als andere Mütter und sich nach Partys, Action und Abenteuern sehnt.

Ihre Mutter war eine Schönheit, eine Malerin und eine Heulsuse. Sie lebte überschwänglich. Sie verbrachte ihr Leben damit, sich von vielen exotisch klingenden Leuten fotografieren zu lassen, und die Leute kauften ihre Gemälde für Summen, die für Kitty unfassbar waren. Sie weinte etwa fünfmal die Woche, im Sommer jedoch nicht ganz so oft.

Wenn Ibsen sich an den Hennen vergriff oder sie ein verhungerndes Kind in den Nachrichten sah, war sie tagelang gefährdet, und Bestemama bemühte sich nach Kräften, morgens die Zeitung vor ihr zu verstecken. Nach jedem Heulanfall verordnete Bestemama Marina Ruhe in einem verdunkelten Zimmer und machte anschließend einen langen Waldspaziergang mit ihr, nur Mutter und Tochter. Sie nannte sie weichherzig.

Wenn Marina in Bestform war, war sie Kitty das Liebste auf der ganzen Welt. In der Schule bat man sie, eine Liste ihrer Lieblingsdinge aufzuschreiben, und ihre Lieblingsdinge hatten alle mit ihrer Mutter zu tun. Ihre Mutter lachte genauso gern wie sie weinte. Sie machte mit ihr Ausflüge in Antique-Clothes-Shops, wo sie teebefleckte Brautkleider und Tiaren anprobierten. Im Garten zelebrierten sie eine Taufe für Kittys Puppe Jumble Sale, bei der ihre Mutter den Pfarrer spielte und Jumble Sale in der Vogeltränke taufte. Nora mimte die Patin, obwohl sie Atheistin war.

War es sonntags warm, nahm ihre Mutter sie zu Picknicken auf dem Hügel gleich neben Hay House mit, einem Hügel, von dem aus man ins Paradies blickte. Lächelte sie sie an, war es Kitty, als sei sie der einzige Mensch auf der Welt, weil das Lächeln ihrer Mutter sie von Kopf bis Fuß umfing. Marinas Lächeln reichte über ihre Augen bis hinauf in ihre goldene Haarkrone. Sie hätte Filmstar werden sollen, meinten alle.

Im Sommer lagen sie mit Zitronensaft im Haar im Garten, um es noch blonder zu bleichen. Marina zeigte Kitty im Glockenblumenwald den Baum, wo Richard McDonald, der Sohn des Doktors, sie mit zwölf an die Rinde gedrückt und geküsst hatte.

In ihrem Atelier brachte sie ihr bei winzigen Tässchen Kaffee mit viel Milch und Zucker Twist-Tanzen bei. Das Atelier lag am Rand des Obstgartens und beschwor – mit seinen Seidenschmetterlingen und Orchideen, alten Liebesbriefen und Postkarten von Menschen, die ihre Mutter so gut kannten, dass sie sie nicht mal unterschrieben – noch einmal eine völlig andere Facette des Hay- House-Zaubers.

Hier eingeladen zu sein war Ausdruck von Marinas Gunst, hieß, ganz und gar in eine von ihrem Geheimnis erfüllte Welt einzutauchen. Kitty hatte hier dasselbe Gefühl wie in der Kirche, die sie zu Ostern und Weihnachten besuchten. Manchmal stahl sie sich wie ein Geist hinein, wenn ihre Mutter in London war, und atmete die Luft, die so still war und so voll von ihr.

Sophie Dahl: Die Spiele der Erwachsenen
Roman
Aus dem Englischen von Maria Mill
Etwa 320 Seiten. Gebunden.
ca. € 19,90 [D]
ISBN 978-3-8270-0767-4

Lesen Sie hier das Interview mit der Autorin Sophie Dahl aus dem ZEITmagazin LEBEN