Der umstrittene Auftritt des türkischen Regierungschefs Recep Tayyip Erdogan in Köln sorgt weiter für Diskussionsstoff. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Warnung des türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan an seine in Deutschland lebenden Landsleute vor einer Aufgabe ihrer kulturellen Identität kritisiert. Die CDU-Vorsitzende hielt Erdogan eine falsche Vorstellung von Integration vor. Integration bedeute, sich in die Lebensweise eines Landes hineinzufinden, sagte sie am Montag in Hamburg. Wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitze, sei Staatsbürger ohne Abstriche. "Die Loyalität gehört dann dem deutschen Staat", sagte sie in Hamburg. "Deshalb glaube ich, dass wir über das Integrationsverständnis schon auch mit dem türkischen Ministerpräsidenten noch weiter diskutieren müssen."

Erdogan hatte die Deutsch-Türken am Sonntag auf einer Veranstaltung in Köln vor Assimilation gewarnt. Zugleich betonte er aber auch, wie wichtig das Erlernen der deutschen Sprache sei. Merkel begrüßte diese Äußerungen, unterstrich allerdings, das dauerhafte Leben in einem Land bringe es auch mit sich, die Gewohnheiten in diesem Land anzunehmen. "Deshalb, denke ich, sind wir hier noch nicht am Ende der Diskussion."

Der Vorsitzende des Islamrats in Deutschland, Ali Kizilkaya, nannte die Aufregung um Erdogan unverständlich. "Assimilation abzulehnen steht doch nicht im Gegensatz zu Integration, sagte er dem Tagesspiegel . "Wir leiden schließlich in Deutschland darunter, dass viele junge Migranten gar keine Identität mehr haben." Der Regierungschef dürfte vielen Türken aus dem Herzen gesprochen haben, als er seine Landsleute aufgefordert habe, die Ursprungskultur nicht zu vergessen, aber sich zu integrieren und die deutsche Sprache zu lernen, sagte Kizilkaya.

Auch die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth bewertete die Auftritte Erdogans in Deutschland positiv und kritisierte, die gegenwärtige Integrationsdebatte sei von großer Unkenntnis geprägt. Erdogan habe dazu beigetragen, nach der Brandkatastrophe von Ludwigshafen die Emotionen einzudämmen. Es sei bemerkenswert, dass er als erster türkischer Regierungschef seine Landsleuten in Deutschland aufgerufen habe, deutsch zu lernen.

Die türkischstämmige Grünen-Politikerin Ekin Deligöz begrüßte Erdogans Aufforderung an die Türken, deutsch zu lernen. "Das ist viel wichtiger, als eine Debatte über Assimilierung zu führen", sagte sie . Die migrationspolitische Sprecherin der Linken, Sevim Dagdelen, dagegen warf Erdogan vor, "verantwortungslos und politisch kurzsichtig Lobbyarbeit für die Türkei betrieben" zu haben.

Bayerns Europaminister Markus Söder hielt Erdogan hingegen vor, ihm gehe es einzig darum, Politik von Ankara aus zu machen. Er halte es für möglich, dass Erdogan mit seinen Äußerungen den Weg für eine türkische Partei in Deutschland bereiten wolle", sagte der CSU-Politiker . Die Integrationsprozesse würden damit aber in die gegenteilige Richtung laufen.

"Diese Rede war höchst unerfreulich", sagte Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU). Erdogan stelle die türkische Sprache und Kultur eindeutig über die deutsche. Es sei zwar nicht verboten, wenn sich der Premier bei seinem Deutschland-Besuch an die türkische und türkischstämmige Gemeinschaft wende, die Art und Weise aber, wie er es getan habe, sei "aus deutscher Sicht höchst problematisch".

Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) betonte : "Man sollte nicht versuchen, als türkische Regierung Innenpolitik in Deutschland zu betreiben." Dennoch wertete er Erdogans Besuch als "eher positiv". In Ludwigshafen habe Erdogan am Ort der Brandkatastrophe die richtigen Worte gefunden.