Vor den Mauern von Lambeth Palace, dem Amtssitz des Oberhaupts der Kirche von England, war am Wochenende der Kampagnenbus des Massenblattes Sun vorgefahren, um lautstark gegen die Schariaempfehlung des Erzbischofs von Canterbury zu protestieren. Es sei leicht, Rowan Williams als "törichten Esel" abzutun, schrieb die Sun in ihrem Leitartikel; in Wahrheit stelle er eine "gefährliche Bedrohung für unseren Staat" dar.

Hinter den Mauern saß der Erzbischof, schockiert, tief betroffen über die Wirkung seiner Ausführungen zur Scharia. Doch schien Rowan Williams nicht einmal nach Tagen der Reflexion zu begreifen, warum beinah die gesamte britische Nation ihn in seltener Einmütigkeit verdammte. Sein Vorgänger George Carey brach am Sonntag sein Schweigen und gelangte zum gleichen Schluss wie das Massenblatt: Es dürfe "keine Ausnahmen für das Recht unseres Landes geben, das unter großen Opfern im Kampf für Menschenrechte und Demokratie" gewonnen wurde. Williams Bereitschaft, einige islamische Konzepte fürs britische Recht zu akzeptieren, hätte "katastrophale Folgen".

Einige Geistliche waren dem bedrängten Erzbischof zur Seite gesprungen, indem sie sich eines bewährten Rezepts bedient hatten: Seine Worte seien "aus dem Zusammenhang gerissen" worden, behaupteten sie. Auch eigne sich die anspruchsvolle, intellektuelle Kost, die Rowan Williams geboten habe, nicht für eine hysterische Mediendebatte.

Nun ist das derzeitige Oberhaupt der anglikanischen Kirche einschlägig bekannt für eine oft verwickelte, schwer verständliche Sprache. Der Sinn des Vortrags, den er vergangene Woche vor 1000 Juristen hielt, erschließt sich selbst nach sorgfältiger Lektüre nur schwer. Einige Kernsätze aber lassen trotz des verschrobenen Stils an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Die Übernahme von Elementen der Scharia in britisches Recht bezeichnete Williams als "unvermeidlich". Auch nannte er die Position, ein Rechtssystem für alle verbindlich zu erklären, "ein bisschen gefährlich".

Eine Aussage, die der Leitartikel der Times daraufhin in den Worten des Erzbischofs "ein bisschen gefährlich" nannte. Die Financial Times merkte an, der Erzbischof von Canterbury sei ein Verfechter jener Ideologie des Multikulturalismus, die zu gesellschaftlicher Spaltung geführt habe und Muslime immer tiefer ins Getto und in die Arme der islamischen Kleriker treibe.

Die Kommentare dieser beiden Blätter, die ihre Worte mit Bedacht wählen, spiegelt ziemlich genau die Haltung der politischen Klasse wider: Man ist sich mittlerweile einig darin, welchen Schaden die Ideologie des Multikulturalismus in den vergangenen Jahrzehnten ihrer absoluten Dominanz angerichtet hat. Die Gräben zwischen muslimischer Minderheit und dem Rest der Gesellschaft sind stetig tiefer geworden. In Großbritanniens Städten entstanden Parallelgesellschaften; von sozialer Kohäsion ist man weiter denn je entfernt.