Sonnenschein, frühlingshafte Temperaturen, im Park zwitschern die ersten Vögel. Drinnen in der zweistöckigen, Efeu-überwucherten Villa im Nobelviertel von Zürich bewundern am Sonntagnachmittag 15 Besucher einige der berühmtesten Kunstgemälde der Welt. Die Angestellten des Emil-Bührle-Privatmuseums schauen verstohlen auf die Uhr. Halb fünf, noch eine halbe Stunde bis zum Feierabend.

Plötzlich schwingt die Eingangstür auf, und herein stürzen drei mittelgroße, mit dunkler Sturmhaube maskierte Kerle. Einer zwingt den Wächter mit gezücktem Revolver zu Boden, die zwei anderen krempeln die Ärmel hoch. Sie wissen, wo sie fündig werden. Denn jeder, der die Homepage des Bührle-Museums bis Montagmorgen besuchte, konnte sehen, wo die wertvollsten Gemälde aufgehängt sind.

Im Großen Saal im Parterre heben die Räuber die ersten vier Werke, die gleich links vom Eingang an der Wand hängen, aus den Sicherheitsangeln. Vom absichtlich wuchtigen Rahmen und dem schweren Glas, das einen ungeplanten Abtransport erschweren soll, lassen sie sich nicht beeindrucken. Vor den Augen der erschrockenen Zeugen schnappen sie sich Claude Monets Mohnblumen bei Vétheuil von 1880, das bekannte Ölgemälde mit drei Damen in rotem Mohn vor einem kleinen Dorf mit markantem Kirchturm im Hintergrund. Beim zweiten handelt es sich um Edgar Degas' Graf Lepic und seine Töchter von 1871, beim dritten um Vincent van Goghs Blühender Kastanienzweig , das der Holländer kurz vor seinem Tod im Haus eines Freundes malte.

Schließlich verpassen es die Diebe nicht, auch noch das berühmteste und wertvollste Werk der Bührle-Sammlung abzuzügeln. Der Knabe mit der roten Weste schuf der Franzose Paul Cézanne zwischen 1894 und 1895. Die drei übrigen Versionen von Cézannes Motiv mit dem sitzenden Jungen in weißem Hemd, rotem Gilet und blauen Hosen befinden sich ausnahmslos in Amerika. Der Wert der vier gestohlenen Werke beläuft sich nach Angaben der Museumsleitung auf 180 Millionen Schweizer Franken, das sind etwa 110 Millionen Euro.

Nach drei Minuten ist der Spuk vorbei. Kaum haben die beiden Lastenträger ihre wertvolle Fracht in ihrem Fluchtwagen verstaut, lässt der Mann mit der Pistole von seinen bedrohten Opfern ab und spurtet zu den Komplizen, dann brausen sie stadtauswärts davon. Wie Zeugen später aussagen, ragen noch Teile der erbeuteten Kunstwerke aus dem Kofferraum.

Davon bekommen die ausrückenden Beamten der Zürcher Polizei allerdings nichts mehr zu sehen. Obwohl sie innerhalb weniger Minuten am Tatort erscheinen, finden sie im Museum nur noch vier weiße Flecken an der Wand und geschockte Menschen vor, von denen einzelne psychologisch betreut werden müssen.