In Anthologien über die Popliteratur taucht sein Name kaum auf. Und das, obwohl er dieses Phänomen beleuchtet hat wie nur wenige. Der 1944 in Hamburg-Altona geborene Alfred Behrens ist besonders als Hörspielautor und -regisseur bekannt geworden. Im Februar 2007 erhielt er den erstmals vergebenen Günter-Eich-Preis. Er sei ein "wichtiger Wegbereiter und Schrittmacher des Originalton-Hörspiels, der Social-Science-Fiction sowie des Hörfilms", hieß es in der Laudatio.

Doch er schrieb auch Prosa! Künstliche Sonnen , sein zweites Buch, wurde 1972 in London und Berlin geschrieben. Auf 135 Seiten breitet er fünf Stränge aus. Die Erzählungen sind aufgeteilt, nummeriert und über das ganze Buch verstreut. Der Leser kann wählen, ob er die Montage oder die fünf Erzählspuren nacheinander lesen will.

Literarisch leistet Behrens keine Kraftakte. Seine Sprache bleibt konventionell und gelassen. Ihre Bilder bezieht sie direkt aus den Klischees der Werbe- und Popkultur. So heißt es beispielsweise in Der hypercolorfarbene Kinostrand (4) : "Brennan sah Judy aus den Dünen heraus auf sich zukommen, schon fast nackt. Sie trug eine Jane-Fonda-Perücke. Ihre Nostalgie für die frühen 70er Jahre! Eines der beiden 16mm-Teams stürzte sich sofort auf sie. Jim sah die Bilder schon als Ausschnitt im Fernsehen abflimmern, in einer Sendung wie Meet the stars on BBC 2. Kurzes Interview dazu, Gespräch mit dem Mann, der ihr die Perücken anfertigt, aus dem Archiv dann noch ein paar alte Jane-Fonda-Bilder aus Klute oder irgendeinem anderen Streifen."

Alfred Behrens seziert die Produktion von Bildern und Identitäten; er beobachtet die Spiele mit ihnen und betrachtet ihre medialen Ausschlachtung und Vervielfältigung. Er schafft in diesem Buch Versuchsanordnungen, die jeder Castingshow, jedem Lifestyle-Magazin den Garaus machen.

Das Tolle an Künstliche Sonnen ist, dass sich Behrens bereits zu Beginn der siebziger Jahre im Klaren war, wie diese Zeit auf die folgenden Jahrzehnte wirken wird. Der Leser fragt sich: Hat es diese Zeiten jemals so gegeben, wie wir sie uns heute vorstellen? Das hat große reinigende Kraft.

Kontrastiert werden die vier Popkultur-Stränge durch einen persönlich wirkenden Text, der mehrere Titel trägt und dessen letzter Abschnitt mit " Hey you gotta hide your love away " überschrieben ist. Ein indirektes Plädoyer für das autobiografische Schreiben. Heutzutage dürfte aber klar sein, dass Intimität (Behrens berichtet hier unter anderem über die Geburt seiner Tochter) nicht unbedingt eine bewusstere Wahrnehmung fördert.

Das Phänomen Pop enthielt immer die Zerstörung dessen, was Pop ist und gestern war. Behrens analysiert und dekonstruiert das Verhältnis von Fans zu ihren Göttern. Er zeigt, wie Produkte allein durch ihr Image ersetzt werden und wie die Steuerung von Menschen durch Kultur funktioniert. Künstliche Sonnen ist daher noch immer sehr aktuell!

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