"Es fehlt an Respekt", sagt Annegret Kaiser. "Nicht nur in der Schule, sondern in der Gesellschaft." Annegret Kaiser ist Leiterin der August-Hermann-Francke-Schule im Hamburger Stadtteil Farmsen. Vor vier Jahren führte die christliche Privatschule Benimm-Unterricht ein. Gelehrt wird seitdem der richtige Ton bei Begrüßungen oder beim Telefonieren. Aber auch Gastfreundschaft, Ordnungssinn, die Auswahl von zum Anlass passender Kleidung oder der Umgang mit Taschengeld stehen auf dem Lehrplan; Tischmanieren werden sogar im Restaurant geübt. Nun soll Respekt dazu kommen, vermittelt durch Rollenspiele. "Wir erweitern ständig unser Konzept", sagt Kaiser. Die Eltern seien dankbar für den Unterricht in Sozialkompetenz. Auch wenn Höflichkeit und guter Umgang nur einen kleinen Teil davon abdecken. Die Lektionen im Benehmen integriert die Schule übers Schuljahr verteilt in den Unterricht der dritten und sechsten Klassen.

Das Beispiel in Farmsen steht für einen kleinen Trend an deutschen Schulen: Neben Fachwissen werden Soft Skills zum Unterrichtsstoff. Teils sind es Einzelinitiativen wie in Hamburg oder Bremen, wo eine Schule ebenfalls gutes Benehmen auf den Lehrplan setzte. Oder Impulse aus Ministerien: Rheinland-Pfalz entwickelte Benimm-Bausteine für den Unterricht, Bayern fördert persönlichkeitsbildende Schulprojekte mit der Initiative "Werte machen stark".

Soft Skills, auch Schlüsselqualifikationen genannt, werden für einen geglückten Berufseinstieg immer wichtiger. Längst achten Unternehmen bei Bewerbungen nicht mehr nur auf fachliche Qualitäten, sondern auch auf sogenannte weiche Faktoren wie Toleranz, Selbstreflexion, Organisationstalent, Umgangsstil, Team- oder Kritikfähigkeit. Die Studie "Schlüsselqualifikationen im 21. Jahrhundert" der Münchener Personalmarketing GmbH ergab, dass von 129 befragten Unternehmen 65 Prozent Schlüsselqualifikationen beim Berufseinstieg für genauso wichtig wie Fachwissen halten. 52 Prozent der befragten Unternehmen sahen Soft und Hard Skills gleichauf für den weiteren Erfolg im Beruf.

Doch schon vor zehn Jahren plädierte der Bildungsforscher Hans Werner Heymann, Professor für Erziehungswissenschaft und Psychologie an der Universität Siegen, für die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen im Unterricht – allerdings zur Lebensvorbereitung und nicht nur im Sinne beruflichen Erfolgs. "Durch Pisa und die Folgen haben wir inzwischen aber eine Blickverengung auf Fachleistungen. Auch wenn die Pisa-Forscher das nicht beabsichtigt haben", sagt Heymann. Dieses Denken müsse aufgebrochen werden, die zurzeit diskutierte Einführung von Kopfnoten sei nur eine Reaktion auf diese Fokussierung der Hard Skills.

Die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) untersucht in ihren Pisa-Tests Fachleistungen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Der mangelnden Abfrage von Soft Skills ist man sich durchaus bewusst: "Durch unsere Kontakte zu Ministerien, Lehrern und Schülervereinigungen wissen wir von einem großen Defizit bei dem Thema", sagt Bernard Hugonnier von der Abteilung Bildung der OECD.

Doch ab welchem Alter sollten Soft Skills vermittelt werden? Und ist dies Aufgabe der Schulen? So früh wie möglich, sagen Bildungsexperten. "Zwar erwerben Kinder einige Qualifikationen durch Imitation, Mittun oder Medien auch außerhalb der Schule. Aber nicht alles lässt sich so erlernen", sagt Heymann. Die Vermittlung von Fachwissen, aber auch von bestimmten Soft Skills wie Lerntechniken oder Kooperationsfähigkeit, solle darum Bestandteil des Schulunterrichts sein.

Christian Palentien, Professor für Bildung und Sozialisation an der Universität Bremen, hat festgestellt, dass Kinder immer öfter mit Defiziten bei sozialen, kommunikativen und emotionalen Kompetenzen aus den Familien in die Schulen entlassen werden. "Wir haben eine zunehmende Verinselung der Kinder, Jugendlichen bleibt oft nur die Selbstorientierung. Das liegt auch an jüngeren Eltern, die weniger Erfahrungen weitergeben können", sagt Palentien. Deshalb gehöre die Vermittlung von Soft Skills in den Schulunterricht, eventuell schon in den Kindergarten.

Hans Brügelmann, Professor für Erziehungswissenschaft mit Schwerpunkt Grundschulpädagogik an der Uni Siegen, hat Schüler beobachtet, die ab der ersten Klasse konsequent in Soft Skills geschult wurden. Dieselben Schüler seien in der vierten Klasse in der Lage gewesen, selbstständig ein Thema zu wählen, zu recherchieren, ein 15-minütiges Referat mit Powerpoint-Präsentation zu halten und Fragen zu beantworten. "Ich war erstaunt, denn das können manche Studenten nicht", sagt Brügelmann.
 
Prinzipiell ließen sich alle Arten von Soft Skills vermitteln, so die Expertenmeinung. Schließlich habe jeder Mensch angeborene soziale Fähigkeiten, so Heymann. Nur funktionieren diese nicht von selbst und nicht bei jedem in gleichem Maße. Diese Erfahrung machte auch Hugonnier von der OECD: "Ein guter Manager zu sein ist nicht erlernbar – dazu wird man geboren. Ein schlechter Manager aber kann besser werden, indem er bestimmte Techniken erlernt."

Doch wie sehen diese Techniken aus? Eine von Inhalten abgekoppelte Vermittlung von Soft Skills lehnen viele Pädagogikwissenschaftler und Lehrer ab. Heymann: "Ich habe nichts gegen ein Projekt oder mal eine Doppelstunde zu bestimmten Soft Skills. Die Vermittlung dieser Fähigkeiten sollte aber nicht abgespalten vom Lernstoff geschehen." In der Arbeitswelt würden diese schließlich auch nicht vom Fachwissen getrennt eingefordert. Schulprojekte wie in Bremen oder Hamburg werden deshalb von der Wissenschaft oft skeptisch betrachtet.

Auch Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), kritisiert diese Praxis: "Beispielsweise braucht Teamfähigkeit eine inhaltliche Basis, man kann Rücksichtnahme nicht im luftleeren Raum vermitteln, auch nicht durch Kreativität." Kraus steht der Diskussion um Soft Skills ohnehin skeptisch gegenüber. Schule habe schon immer Soft Skills vermittelt, denn Unterricht sei immer kommunikativ.

Viele Bildungswissenschaftler haben genaue Vorstellungen davon, wie Soft Skills in den Unterricht in den Lehrplan integriert werden sollen und befürworten als Erstes eine Abkehr von der in Deutschland weit verbreiteten Belehrungsschule hin zum Dialogunterricht. Größte Veränderung dabei ist die Erhöhung der Selbstbeteiligung der Schüler an der Unterrichtsgestaltung. "Das geschieht an deutschen Schulen natürlich häufiger als vor 50 Jahren, aber doch noch sehr begrenzt", sagt Brügelmann.

Vor allem reformpädagogische Schulen setzen auf die Förderung selbstbestimmten Lernens und damit auch der sozialen Kompetenzen. Jede dieser Schulformen probiert dabei eigene Konzepte aus: In der einen Schule gibt es Noten, in der anderen mündliche Beurteilungen. Einige haben sogar ihre Gebäudearchitektur an das andere Lernen angepasst. Bekanntester Vertreter der alternativen Schulen sind die Waldorfschulen. "Ganzheitlich lernen", nennt Henning Kullak-Ublick vom Vorstand des Waldorfschule e.V. die Grundidee. Die Gefühlsebene der Schüler werde beim Lernprozess nicht ausgegrenzt, sagt er. Leistungen würden etwa ohne Benotung von Lehrern und Schülern gleichermaßen reflektiert.

Beim Thema Soft Skills hält Hans Werner Heymann die Waldorfschulen für vorbildlich. Bei den meisten alternativen Schulen habe das soziale Lernen einen hohen Stellenwert, bestätigt Henrik Ebenbeck vom Bundesverband der Freien Alternativschulen in der BRD e.V. (BFAS). Er verbiete seinen Schülern zum Beispiel nicht das Reden im Unterricht: "Sonst bilden die Schüler keine kommunikativen Fähigkeiten aus."

"Jede gute Reformschule legt großen Wert auf Erlebnispädagogik", sagt Bernhard Bueb. Er leitete über 30 Jahre die Internatsschule Schloss Salem und veröffentlichte 2006 das Buch Lob der Disziplin – Eine Streitschrift . Bueb sieht die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen ebenfalls nicht losgelöst vom Fachwissen: "Soft Skills müssen zur Gewohnheit werden." Diese "wichtige Art der Charakterbildung" werde seiner Ansicht nach nur erreicht durch Vorbilder und Richtlinien. Letztere sollten konsequent eingefordert werden. Individuelle Bewertung gehöre zwar zur Kunst des Lehrens, man dürfe aber nicht zu viel diskutieren. Die Waldorfschule zum Beispiel treibe es zu weit mit den Soft Skills, sagt Bueb.

Das Konzept des sozialen Lernens sei in den meisten Lehrplänen staatlicher Schulen zwar angekommen, sagt Ebenbeck vom BFAS. Es hake aber an der Umsetzung. Schuld sei der hohe Altersdurchschnitt der Lehrer, aber auch der Stellenabbau an vielen Schulen. Lehrer spielten im Gefüge der Vermittlung von Soft Skills die Vorbildrolle. Christian Palentien von der Uni Bremen bemängelt, dass dies in der Lehrerausbildung oft ausgeblendet wird: "Wir müssten den Anteil der Erziehungswissenschaften im Studium erhöhen." Franz Kraus vom DL sieht eher die Familie in der Pflicht: "Die Lehrer sind schon jetzt überfordert. Wenn Eltern aus falsch verstandener Liberalität zu Hause alles schleifen lassen, kann das die Schule allein nicht hinkriegen."

Doch die Wissenschaft propagiert, das Lernen neu zu lernen: Dafür müssen Basiskompetenzen, die Soft Skills, in allen Fächern vermittelt werden. Wie und ob das passiert, wird empirisch schwer zu fassen sein. Zu dem Thema werde kaum geforscht, sagt Heymann. Auch die OECD plane keine Untersuchung, so Bernard Hugonnier.