Paradiesische Zustände – Seite 1

Die Deutschen empören sich über Steuerflüchtige. Björn Tenger aber lebt gut von ihnen. Der Finanzmanager hat eine eigene Definition von dem, was erlaubt ist; Moral spielt da kaum eine Rolle. Kommt ein reicher Kunde zu ihm mit dem Wunsch, wenig zu versteuern, sucht Tenger nach Schlupflöchern. Dann verschiebt er internationale Gelder, auch wenn das heißt, dass der deutsche Fiskus leer ausgeht. "Das finde ich nicht verwerflich", sagt er. Schließlich seien Steuerberater für ihre Mandanten da und nicht für die deutschen Finanzbehörden.

Tenger arbeitet seit neun Jahren in der westfälischen Provinz als Financial Manager . Auf seiner Homepage steht, was das bedeutet: "Steuerminimierung, Offshore-Handling", vor allem aber "Firmengründung." Auf Letzteres hat sich Tenger spezialisiert. Er hat Kontakte in die Schweiz, nach Asien, aber auch in die USA, nach Nevada und Delaware. Kunden vermittelt er eine Firma von der Stange, organisiert den Geldtransfer in die Welt und entwirft verwinkelte Konstruktionen, die den deutschen Finanzbehörden die Sicht auf Vermögen und Einkommen versperren sollen.

Der gelernte Betriebswirt ist einer von Tausenden Beratern, ohne die im internationalen Finanztourismus nichts liefe. Sie sind Teil eines Systems, das dafür sorgt, dass "jene, die mehr Geld haben, auch mehr Möglichkeiten haben, Steuern zu umgehen", sagt der Schweizer Anwalt Lucius Blattner, der sich auf dem Feld der Wirtschaftskriminalität spezialisiert hat. Keiner dieser Berater wird nun zur Rechenschaft gezogen werden, wenn im Zuge der Liechtensteiner Affäre Steuersünder auffliegen. Meist schützen sie sich durch die Allgemeinen Geschäftsbedingungen und verweisen auf die Handlungsfreiheit der Vermögenden. Steueroasen in aller Welt - Klicken Sie auf das Bild

Stiftungs-Konstruktionen, wie der zurückgetretene Post-Chef Zumwinkel sie wählte , sind dabei eher nebensächlich. Das Netz der Möglichkeiten spannt sich längst weiter, über Asien, die USA, die Karibik hinüber zu Ländern wie Gibraltar oder den Marshall-Inseln. Auch gründen die Mandanten von Tenger zumeist keine Stiftungen, sondern Unternehmen in Ländern, in denen internationale Abkommen oft nicht greifen. Nach Schätzungen von Fachleuten liegt der Anteil des Schwarzgeldes, das über solche Firmenmodelle um die Welt fließt, bei sieben Prozent. Das Prinzip ist oft ähnlich, doch nie gleich. Tenger sagt: "Kein Fall ist wie ein anderer. Man muss für jeden Kunden eine maßgeschneiderte Lösung finden."

Möglichkeiten gibt es genug. Die Wissenschaftler Dhammika Dharmapala und James R. Hines Jr. zählten in einer Studie vor anderthalb Jahren die Zahl möglicher Steuerhäfen - sie kamen auf vierzig. Was diese Finanzplätze gemein haben: Fast alle verfügen über ein robustes Regierungssystem, sind geopolitisch bedeutungslos und haben ein Gesellschaftsrecht, das es den Kapitalisten der Welt ermöglichst, unterzutauchen, ohne steuerlich belangt zu werden. Die Offshore-Plätze bieten zumeist nur ihr Rechtssystem für Geschäfte an, die sich in anderen Ländern abspielen. Davon profitiert die Steueroase oft selbst, die Pro-Kopf-Einkommen sind dort in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Paradiesische Zustände – Seite 2

Gleichzeitig schaden die Off-Shore-Plätze dem internationalen Wirtschaftssystem. Denn die Anonymität nutzen nicht nur Steuerflüchtige, sondern auch Diktatoren, Betrüger und Verbrecher. Etliche Formen von Korruption können in den Steuerparadiesen ebenso verschleiert werden wie Insidergeschäfte. John Christensen, Sekretär der Organisation Tax Justice Network meint deshalb, dass Offshore-Finanzplätze zur Armut in der Welt beitragen. Im Jahr 2006, schätzt die Unternehmensberatung Boston Consulting, lagerten rund sechs Billionen Euro auf Konten von Finanzplätzen wie Jersey, Bermuda oder den Kaiman-Inseln.

Doch es müssen nicht immer nur die Kaimans sein. Eine beliebte Steueroase liegt auch in Delaware, USA . Hier sitzen Google , Coca-Cola oder die Citibank und weitere 40 Prozent der Unternehmen, die an der Wallstreet gelistet sind. Das ist die Folge eines Wettlaufs um das liberalste Gesellschaftsrecht in den 60er Jahren mit den Bundesstaaten Maine und New Yersey. Am Ende gewann Delaware. Eine Firmengründung ist hier seither per Mausklick oder Anruf möglich. Vor allem aber benötigen die Firmen keine Mindesteinlage. Der Gründer wird Aktionär, zeichnet Anteilsscheine ohne Nennwert, bezahlt eine Gebühr und ist anschließend Besitzer einer Aktiengesellschaft. Dann setzt er einen Treuhänder ein, der seine Firma verwaltet und kauft für sein Geld Anteile an demselben Unternehmen. Für den deutschen Fiskus ist das nur selten zu durchschauen - das Geld ist außer Landes.

Diese Konstruktion ist nur eine von vielen Spielarten. Sie funktioniert überall dort, wo Staaten kein Doppelbesteuerungsabkommen mit Deutschland oder einem anderen EU-Staat abgeschlossen haben. Dann haben die deutschen Finanzbehörden nichts mehr zu sagen. Doch selbst wenn Abkommen existitieren, lassen sie sich um gehen. 

Beispiel Gibraltar. Die britische Kronkolonie hat kein Doppelbesteuerungsabkommen mit den meisten europäischen Ländern, auch nicht mit Deutschland. Gründet ein deutscher Unternehmer nun eine Gesellschaft (Limited) in England , die wiederum eine deutsche GmbH als Muttergesellschaft hat, und macht gleichzeitig eine Firma in Gibraltar auf, die sowohl die deutsche wie die englische Firma übernimmt, kann er die Gewinne dort bilanzieren - in Deutschland und England hingegen nur die Kosten. Die Gewinne aber muss er in Gibraltar nicht versteuern.

Ähnliches funktioniert in den Niederlanden . Auch dort wird eine Firma gegründet, niederländisch BV abgekürzt. Sie allerdings dient nur als Zwischenstation. Vielmehr braucht es noch eine Gesellschaft als Holding auf den niederländischen Antillen, also auf Curacao, Aruba oder Bonaire. Diese Inseln gehören zwar zum niederländischen Königreich, nicht aber zum Staat der Niederlande selbst und sind deshalb auch nicht Mitglied der Europäischen Union. Die Holding in der Karibik übernimmt anschließend die niederländische BV. Wegen des Doppelbesteuerungsabkommens innerhalb der EU muss der deutsche Besitzer hierzulande keine Steuern zahlen - die Firma sitzt ja in Holland. Dort fallen jedoch nur Kosten oder kleine Gebühren an. Der Gewinn wird in die Karibik zur Holding verschoben, wo die Steuersätze sehr gering sind. Allerdings braucht es hier einen Verwalter. Ganz so leicht wie in Delaware  ist das System also nicht. Und auch bekannter. Der Tennis-Manager Ion Tiriac beispielsweise flog damit vor Jahren auf.

Paradiesische Zustände – Seite 3

Doch so leicht wie es ist, Geld aus dem Land zu schaffen, so schwer ist es, dasselbe wieder zurückzuholen. Denn wenn auf einmal große Mengen frisches Geld auftauchen, werden die Behörden oftmals stutzig. Deshalb bleibt vielen nur, das Geld im Ausland zu belassen - oder auf Reisen zu gehen. "Was meinen Sie, warum so viele Menschen in St. Moritz Skilaufen", fragt der Schweizer Anwalt Blattner. "Sicherlich nicht nur, weil es dort so schön ist, sondern weil die Leute nur dann an ihr Geld und ihre Konten rankommen."

Doch auch hierfür haben Steuertrickser ein Patentrezept. So könnte zum Beispiel die gegründete Firma in Gibraltar, Kaiman oder den Antillen hierzulande ein Haus kaufen. Der Eigentümer der Firma wohnt dann zur Miete darin und bezahlt der Firma, die ihm selbst gehört, monatlich Miete. Der Clou daran: Diese kann er unter Umständen auch noch von der deutschen Steuer absetzen.

Versuche, die Steueroasen zu bekämpfen, gab es einige. 1998 startete die OECD eine Initiative und listete alle Staaten auf, die nicht kooperieren. Zwar lenkten einige Staaten ein; Kritiker wie der Linzer Ökonom Friedrich Schneider mutmaßen aber: nur auf dem Papier. Tatsächlich böten die Länder noch immer sichere Häfen für Gelder aus aller Welt. Finanzmanager wie Tenger dürften dagegen nichts einzuwenden haben. Schlupflöcher sind gut für's Geschäft.