Der Wahlkampf in den USA hat gerade das Stadium der Hysterie erreicht, und die Konservativen greifen zu ihrer Geheimwaffe: Hitler! Hitler in den USA ist ein Stück Popkultur. In Amerika gibt es Hitler-Fernsehparodien, Hitler-Videospiele, Hitler-Filme, Sci Fi-Romane, in denen der Führer mit der Hilfe von schwarzen Sonnen und einer Zeitmaschine den Zweiten Weltkrieg gewinnt, Hitler als Comic, Hitler-Musicals am Broadway („Springtime For Hitler“), bei jedem Star Trek-Spinoff taucht ein außerirdischer Hitler-Klon auf, und auf Ebay werde tausende von Hitler-Briefmarken und Münzen verkauft. Neulich habe ich gelesen, dass die letzten aus der Hitler-Familie in Long Island wohnen, das wundert mich nicht.

Wer immer seinem Gegner eins überbraten möchte, vergleicht ihn — oder sie — mit Hitler. Wenn es in den USA ein Nazometer geben würde, das würde so dauerdröhnen wie der Himmel über Berlin in den Zeiten der Luftbrücke. Hillary firmiert schon mal als „Hitlery“, und T-Shirts mit George W. Bush, wie er in einer Limousine zwischen Hitler und Mussolini sitzt, werden auf dem Union Square verkauft. Ich bin also alles gewöhnt.

Aber dann meldete sich Ann Coulter zu Wort. Coulter ist das, was man hier einen „Pundit“ nennt, eine politische Expertin. Sie ist konservativ, allerdings, selbst für eine Republikanerin, ziemlich krawallig. Mal wünscht sie sich, der Oklahoma-Attentäter Timothy McVeigh hätte auch noch die New York Times in die Luft gesprengt. Mal fordert sie, in alle muslimische Länder einzumarschieren, ihre Führer zu töten und die Bewohner zu konvertieren. Sie wollte das Frauenwahlrecht eliminieren, befürwortete die Internierung von Japanern im Zweiten Weltkrieg, bezeichnete Al Gore und John Edwards als „Schwuchteln“ und verteidigte Mel Gibsons umstrittenen Film “Passion of the Christ“. Letztes Jahr forderte sie, dass Juden zum Christentum konvertieren müssen, um „perfekt“ zu werden (ausgenommen, vermutlich, die Redakteure der New York Times, die von McVeigh in die Luft gesprengt wurden).

Nun hat Coulter ein neues Hassobjekt gefunden: John McCain, der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Es gebe nur einen Unterschied zwischen McCain und Hitler, meinte Coulter bei einem Auftritt in Washington: „Hitler hatte eine schlüssige Steuerpolitik.“

Eine Woche später reihte sich Tom Sullivan in die Hitler-Front ein, der, wie Coulter, beim Murdoch-Sender Fox auftritt, allerdings nicht, wie sie, im Fernsehen, sondern im Radio: Ein Anrufer habe ihn auf die Idee gebracht, dass Barack Obama genauso rede wie Hitler, meinte Sullivan. Er habe den gleichen feurigen, enigmatischen Stil. Und, um die Hörer getreu dem Fox-Motto „selber entscheiden“ zu lassen, spielte er denen Obama-Clips und Hitler-Clips vor.

Kaum riefen empörte Obama-Anhänger in seiner „Tom-Sullivan-Show“ an, ruderte er zurück: Er habe die beiden doch gar nicht vergleichen wollen, er habe nur bemerken wollen, dass beide, Obama und Hitler, eine Nation versammeln und zu ihr sprechen konnten. Da kann man nur hoffen, dass Obama nicht in absehbarer Zeit plant, Autobahnen zu bauen.