Fast jeder hat ihn in seiner Familie: den Hippie-Onkel. Er sammelt alles, raucht alles, redet wirr und tritt einmal jährlich in Erscheinung — auf Familienfesten. Augen rollen, wenn sein seltsamer Duft den Raum erfüllt. Aus Schweiß, Räucherstäbchen und etwas, was man lieber nicht wissen will. Die Erwachsenen mögen den Onkel nicht, er ist unheimlich. Aber Kinder lieben ihn, denn er ist bunt, hat kaum Zähne im Mund und erzählt lustige Geschichten.

Horse Badorties ist so einer. Ein Schlamper, die totale Katastrophe; alles, was in uns nach Ordnung ruft, macht er kaputt. Dem geregelten Lauf nimmt er die Grundlage — den Ernst. Wir dürfen ihn begleiten, Mann. Und das auch noch in seinem Kopf, Mann. Denn er ist der Ich-Erzähler in William Kotzwinkles Roman Fan Man . Ein kindisches Vergnügen! 1974 veröffentlichte er diesen 150-seitigen Aberwitz. Sein Name ist echt — die amerikanische Mutation des deutschen Namens Katzwinkel.

Horse Badorties verlässt sein Apartment, in dem Küchenschaben über den gigantischen Haufen verklebten Geschirrs in seinem Waschbecken trippeln. Das Wasser ist noch nicht kalt genug, also wird er das Wasser 'nen Augenblick laufen lassen, bis es kalt wird. Er darf nicht vergessen, das Wasser abzustellen ...

... Er wird es vergessen. Denn er ist immer unterwegs in New Yorks Bowery: Hotdogschirm besorgen oder Buchstabennudeln rauchen.

Wo er gehaust hat, da wächst kein Gras mehr: Er hinterlässt eine verwüstete Wohnung, den "archetypischen Alptraum eines Horse- Badorties- Schrotthaufen- Apartments [...] mit ner vertrockneten Orangenschale in der Mitte" und eine ungeheuer komplexe Telefonrechnung. Auf zum Schrottplatz, da will er schnell noch einen Bremsmechanismus von 'nem alten U-Bahnwagen einladen — eine Antiquität. Zur Luftschutzsirene noch ein altes Minensuchgerät, mit dem kann man zu Hause verlorene Armbanduhren in seinem Apartment aufspüren.

Er ist nicht kopflos, denn er zieht ständig Bilanz. Er liebt die Dinge, lebt den Müll. Und ist besessen von Ventilatoren, im Englischen heißen sie Fan. Ihr großartiges Dröhnen erregt seine Trommelfelle und lässt ihn schwärmen. Ventilatoren geben dem Buch seinen Namen: Fan Man . Horse Badorties ist sein Held, er ist der Racheengel aller Nonkonformisten. Mann. Und er hat ein akutes Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Im Endstadium. Ständig musiziert und missioniert er, erregt Aufsehen. Er quatscht die Menschen auf der Straße voll und er quatscht den Leser voll; die Sprache des Romans ist ein einziger assoziativer Schwall.

Das Ziel ist das Benefizkonzert eines Liebeschors 15-jähriger Mädchen. Und als es endlich stattfindet, kommt sogar das Fernsehen. Onkel Horse wird es jedoch verpassen, weil er im Park wegträumt. Auf der Suche nach dem Baum, "gegen den er sein erstes Mädchen gebumst hat".

Dieser Roman ist eins dieser Bücher, die man verschlingt, ohne zu merken, dass es eigentlich umgekehrt ist. Der Sprachrhythmus und sein ständiges "Mann" setzen sich im Kopf fest, wo ein kleiner Horse Badorties im verdauten Geist erwacht.