In Texas steht in diesen Tagen kaum ein Telefon still. Hillary Clintons Unterstützer haben sich dazu verpflichtet, mehr als 1,4 Millionen Wähler in diesem und anderen Bundesstaaten mit anstehenden Präsidentschafts-Vorwahlen anzurufen. Bemerkenswert daran: Diese massive Telefon-Kampagne wurde komplett übers Web organisiert. Freiwillige bekommen dazu auf Clintons Website gezielt die Telefonnummern potenzieller Wähler.

Derartige Anruf-Kampagnen sind nur ein Beispiel für die wachsende Bedeutung des Internets im US-Wahlkampf. Die Kandidaten für das US-Präsidentenamt haben in ihren Fernsehdebatten Fragen von Youtube- und Myspace-Nutzern beantwortet. Sie produzieren Google-Anzeigen und sogenannte "virale", also sich im Web 2.0 virusähnlich ausbreitende Videos, um Wähler für sich zu gewinnen. Obama, Clinton & Co. nutzen ihre Blogs und Websites zudem, um Millionen von Dollar an Spenden für ihre Wahlkampagnen zu sammeln.

Hierzulande spielt das Netz dagegen in Wahlkämpfen immer noch eine untergeordnete Rolle. Zwar sind die Hamburger Oberbürgermeisterkandidaten Ole von Beust und Michael Naumann beide im Netz präsent, doch ihre Auftritte erinnern eher an klassische Wahlkampf-Broschüren denn an interaktive Online-Angebote. Blogs sucht man bei beiden Parteien vergebens, ein direkter Online-Austausch mit dem Wähler scheint unerwünscht. Welche Partei vertritt Ihre Meinung am besten? Klicken Sie auf die Grafik! BILD

Deutsche Internet-Nutzer schauen angesichts derart magerer Netz-Wahlkämpfe gerne neidisch in die USA. Die fehlenden Online-Innovationen der deutschen Politik erklärt man dort gerne mit der Bürokratie der Parteiapparate. So meinte der bekennende SPD-Blogger Nico Lumma dazu kürzlich in einem Podcast: „So eine Partei ist eben ein größerer Tanker. Für Korrekturen braucht man ein wenig länger.“

Der unterschiedliche Umgang mit dem Netz ist jedoch auch ein Resultat der verschiedenen Wahlsysteme. Eine große Rolle spielt dabei die öffentliche Wahlkampfkostenerstattung. In Deutschland bekommen Parteien für jede Stimme bares Geld vom Staat. Der derzeitige US-Vorwahlkampf wird dagegen komplett durch Spenden finanziert. So nahm Barack Obama allein im Januar 32 Millionen US-Dollar ein.

Traditionsgemäß vertrauten Kampagnen dafür auf großzügige Spenden betuchter Parteimitglieder. Neue Wahlkampffinanzierungs-Gesetze begrenzen die maximale Spendenhöhe pro Person jedoch auf 2300 Dollar. Rund 60 Prozent von Clintons Unterstützern haben laut LA Times bereits mehr als 2000 Dollar gespendet, sodass sich ihre Kampagne nach neuen Spendern umschauen muss.

Obama ist es dagegen gelungen, über das Internet zahlreiche Kleinspender zu erreichen. Knapp 50 Prozent seiner Unterstützer haben 1000 Dollar oder weniger gespendet und können damit die Kampagne auch in den nächsten Monaten noch finanziell unterstützen. Obamas Website gibt an, dass er allein in diesem Jahr bereits mehr als 450.000 Spender für sich gewinnen konnte.

Auch das in den USA übliche Mehrheitswahlrecht spielt für den Internet-Wahlkampf eine wichtige Rolle. Wenn John McCain im Herbst für die Republikaner in den Wahlkampf ziehen wird, dann wird seine Kampagne um demokratische Hochburgen wie San Francisco oder Los Angeles einen großen Bogen machen – alles andere wäre vergebene Liebesmüh.

Umgekehrt wird sich der demokratische Kandidat kaum in texanischen Landstrichen blicken lasen, in denen Republikanern seit jeher haushohe Siege sicher sind. Stattdessen werden sich beide Parteien auf eine Handvoll von Bezirken konzentrieren, die von ihren Wahlkampf-Strategen als gewinnbar eingestuft werden.

Für die Mehrheit des US-Wahlvolks wird der Wahlkampf damit zu einem Stellvertreter-Rennen. Wenn die Wähler aktiv Einfluss auf den Ausgang der Wahl nehmen wollen, müssen sie dies mit Spenden, Anruf-Kampagnen oder andere Formen der aktiven Beteiligung tun. Das Internet macht derart persönlichen Aktivismus leichter denn je.

Politiker setzen schließlich in den USA auch deshalb massiv aufs Netz, da ihnen die klassischen Medien wenig Raum zur Selbstdarstellung bieten. So sind US-Fernsehsender nicht zur kostenlosen Ausstrahlung von Wahlwerbung verpflichtet. Kandidaten werden stattdessen für ihre Spots ganz normal zur Kasse gebeten. Experten schätzen, dass Obama allein im Januar 16 Millionen Dollar für Fernsehwerbung ausgegeben hat.

Keinen Cent kostete die Kampagne dagegen ein Video des Black-Eyed-Peas-Sängers Will.i.am. Der Obama-Fan bastelte mit Hilfe einiger prominenter Mitstreiter aus einer Rede des Politikers ein Musikvideo, das sich im Netz in kürzester Zeit zum viralen Hit mauserte. Das „Yes We Can“ getaufte Video verzeichnete in den letzten zwei Wochen auf Youtube mehr als neun Millionen Zugriffe – und bewies damit, dass man im Netz auch ohne große Ausgaben viele Wähler erreichen kann.