Das Geschrei ist groß, auch das Erschrecken. Mit Wucht schlagen Moralisten seit Donnerstag auf die Wirtschaft ein, sprechen davon, dass jene, die am meisten von unserem gesellschaftlichen System profitieren, dasselbe untergraben, „zum Einsturz bringen“, wie es der Finanzminister formulierte .

Wie nasse Pudel ducken sich die Wirtschaftsfunktionäre weg, beschwören den Topos des „ehrbaren Kaufmanns“ und Jürgen Thumann, Präsident des BDI, sagt , wer gegen die Spielregeln verstoße, verdiene nicht die Unterstützung seiner Kollegen. Na hoffentlich!, möchte man ihm zurufen.

Ein erstaunlicher Vorgang ist das: Das Fehlverhalten eines Einzelnen, des zurückgetretenen Post-Chefs Klaus Zumwinkel, provoziert dazu, die Systemfrage zu stellen. Die Argumentation funktioniert etwa so: Indem einer, der (obwohl Multimillionär) immer für sozialen Ausgleich eingestanden ist, seiner Vorbildfunktion nicht gerecht wird, verstärkt er das gerade äußerst gespannte Gefühl der Ungerechtigkeit im Volk. Damit zerstört er am Ende die Akzeptanz der Marktwirtschaft.

Da ist Wahres daran, zumal dieser Eine als Chef eines Staatskonzerns eben auch für das System selbst steht, gegen das er sich verging. Nun könnte man leicht in Zynismus verfallen und sagen: Wer sich solche Vorbilder sucht, ist selber Schuld, man weiß doch, was Manager für Leute sind . Doch geht es wirklich nur um eine kleine, schon häufiger unangenehm aufgefallene Kaste?

Das Finanzministerium hat nicht mehrere Millionen Euro an einen Informanten gezahlt , um den Post-Chef loszuwerden. Einige hundert Ermittlungsverfahren sind anhängig . Keines von ihnen richtet sich offenbar gegen einen weiteren Manager einer der großen im Deutschen Aktenindex gelisteten Publikumsgesellschaften. Vielmehr handelt es sich um viele vermögende Leute in höchst unterschiedlichen Lebenslagen, die keine Lust haben, Steuern zu zahlen, und die wussten, wie man es umgehen kann. Das ist schlichtweg kriminell.