Bis zu zehn Prozent hatten die Demoskopen vorausgesagt. Und deshalb war die Vorfreude groß. Gut 200 Anhänger der Linken hatten sich im Hamburger Stadtteil Ottensen versammelt, um zu feiern. Gründe für das Selbstbewusstsein gab es genug. Mit einem Ergebnis von 5,1 Prozent sind die Linken vor einem Monat überraschend in den hessischen Landtag eingezogen, in Niedersachsen waren es sogar 7,1 Prozent – mit den bekannten Folgen .

Sollten also die Umfragewerte stimmen, hätte die Linkspartei die vom amtierenden Bürgermeister Ole von Beust (CDU) gewünschte schwarz-grüne Koalition verhindern können. Und der SPD in Zukunft richtig wehgetan. Diese Aussicht war es wohl auch, die SPD-Chef Kurt Beck dazu verleitete, kurz vor der Wahl in Hamburg laut über eine rot-rote Koalition in Hessen nachzudenken. Hätte Kurt Beck geahnt, wie die Wahl hier tatsächlich ausgehen würde,  hätte er vermutlich die Klappe gehalten.

Im Ottenser Kulturzentrum wurden erst einmal die „beiden Lothars aus Brandenburg“ auf die Bühne geholt. Leuten wie ihnen ist es nämlich zu verdanken, dass die Linke wie keine andere Partei das Hamburger Stadtgebiet mit ihren Plakaten überzogen hat, „zusammen mit all den anderen Helfern und Bezirksverantwortlichen“. Als später dann noch der Nikolai auftrat, der sich extra drei Wochen Urlaub genommen hatte, um Plakate zu kleben, war bereits klar, dass für die Linken mit 6,4 Prozent der Stimmen der ganz große Coup gescheitert ist. Was auch bedeutet, dass möglicherweise CDU und Grüne die Regierungsbildung unter sich ausmachen werden. Der Nikolai schaut in lange Gesichter. 

Viele Pullover von H&M hatten sich auf dem Parteiabend versammelt, ergraute lange Haare, selbst genähte Kleider, junge Gesichter, Cordsakkos spannen sich über Bierbäuchen. Eine Fahrradkurierin, Kindergruppen, junge Männer mit Armbinden, auf denen „Order“ steht. Eine Mittvierzigerin trinkt Sekt aus der Flasche. So ein buntes Gemisch! Vor diesem Volksfest hatte Kurt Beck Angst?

Vielleicht ist es genau umgekehrt. Vielleicht ist es die Angst Kurt Becks, die all diese Menschen hier zusammenhält. Wolfgang Joithe, Listenplatz 4, versprach, „den Finger in die Wunde zu legen“. Es ist klar, wen er meint: Die Mächtigen, diejenigen, die Hartz IV gemacht haben, die Steuern hinterziehen und Politik mit Wirtschaft verwechseln. Die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen und ein Gefühl des Trotzes machen den Aufbruch der jungen Partei aus, bislang.

Wie tief dieses Gefühl sitzt, wurde klar, als das Fernsehbild in die Zentrale nach Berlin schaltet. Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch lobte im ZDF den Hamburger Wahlkampf, die Hamburger Genossen und das Wahlergebnis: „hervorragend“. Trotzdem sank die gefühlte Temperatur im Saal, es blieb seltsam still, nur ein Spaßvogel rief sarkastisch „Bravo“.