Es wird die weltweit größte Sammlung von Pflanzensamen: Im Saatguttresor "Svalbard International Seed Vault" (SISV) in Spitzbergen sollen eines Tages 4,5 Millionen Saatgutproben von Nutzpflanzen eingelagert werden, wasserdicht eingeschweißt. Zur Eröffnung hat das in Nigeria ansässige Internationale Institut für Tropen-Landwirtschaft bereits 20 Kisten mit 7000 Samenproben aus 36 afrikanischen Ländern gesandt. Norwegens Landwirtschaftsminister Terje Riis-Johansen konnte die Einweihung kaum erwarten: "Das wird wie eine moderne Neuauflage der Arche Noah."

Mit Hilfe des Microsoft-Gründers Bill Gates, genauer gesagt der Bill & Melinda Gates Foundation, konnte das neue Lager in der Kälte des Permafrostbodens finanziert werde. Die Gates-Stiftung, die sich bisher vor allem mit Unterstützung für Impfprojekte gegen Aids, Tuberkulose und Malaria einen Namen gemacht hat, bezahlt den Löwenanteil des Vorhabens: 37,5 Millionen Dollar. Von der norwegischen Regierung kommen noch einmal 7,5 Millionen Dollar.

Für den neuen Saatguttresor haben Bauleute von Norwegens staatlicher Baufirma Statsbygg einen 120 Meter langen Tunnel in einen Berg nahe der Inselhauptstadt Longyearbyen getrieben. An seinem Ende liegen die drei je sechs Meter hohen Lagerhallen. Entworfen hat den dreieinhalb Millionen Euro teuren Bau das Büro Barlindhaug Consult aus Tromsö. Neben dem Permafrostboden wird auch eine zusätzliche Kühlung für eine möglichst lange Lagerung der Pflanzensamen sorgen. Minus 18 Grad ist es in den Tresorräumen kalt. Sollte die Kühlanlage eines fernen Tages einmal ausfallen, dann soll die natürliche Kälte im Berginneren trotzdem zur Konservierung ausreichen.

Gesichert werden sollen Kulturpflanzen, allen voran Getreidesorten. Wenn eine Art auf der Erde ausstirbt, sei es durch Naturkatastrophen, Atomkriege oder Epidemien in der Pflanzenwelt, soll sie später von Spitzbergen ausgehend wieder nachgezüchtet werden können. Besonders im Blickpunkt stehen Kulturpflanzen aus der Dritten Welt.

"Diese Initiative wird das Überleben der bedeutendsten Sammlungen der Entwicklungsländer von Saatgut der 21 weltweit wichtigsten Nutzpflanzen sichern", sagt Cary Fowler. Er ist Chef des Global Crop Diversity Trust, einer Internationalen Organisation, die sich um den Betrieb der Genbank auf Spitzbergen kümmern wird.

Fowler, der für seinen Einsatz zur Bewahrung genetischer Ressourcen in der Landwirtschaft der Dritten Welt bereits vor mehr als 20 Jahren mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet wurde, kann mit dem Projekt einen Traum verwirklichen. Denn nicht zuletzt sogenannte "orphan crops", also Waisen-Früchte, sollen für die Zukunft gesichert werden. Das sind Getreidesorten, die für die Ernährung der armen Bevölkerung in Entwicklungsländern besonders wichtig sind – und von der modernen Pflanzenzüchtung oft vernachlässigt werden.

Die Süßkartoffeln (Yams) sind solch ein Fall. Sie wachsen nicht aus Samen heran, sondern müssen aus Schnitten, Wurzeln oder Zellkulturen gezüchtet werden. Weil die Lagerung dadurch kompliziert und teuer wird, soll das Geld der Gates-Stiftung auch dazu eingesetzt werden, einfachere Konservierungstechniken zu entwickeln – die dann auch für andere Arten wie Maniok, Kartoffel, Wasserbrotwurzel und Kokosnuss genutzt werden könnten. Vom konservierten Erbgut der Nutzpflanzen in besonders großer Vielfalt versprechen sich Pflanzenzüchter nicht zuletzt auch Hilfe bei der zukünftigen Züchtung von ertragreicheren, nahrhafteren und stressresistenteren Pflanzen. Und von solchen Sorten, die mit dem weltweiten Klimawandel klarkommen.

In der Arktis hat man bereits Erfahrungen mit Genbanken. Nur einen Steinwurf vom neuen Domizil entfernt befindet sich "Mine 3", ein seit elf Jahren aufgegebenes Kohlebergwerk, in dem seit mehr als 20 Jahren Saatgutproben aufbewahrt werden. Etwa 10.000 Proben lagern in dem konstant minus 3,5 Grad kalten Lagerraum.

Rund um den Globus gibt es etwa 1400 Einrichtungen dieser Art. Eine der weltgrößten befindet sich übrigens in Deutschland, genauer gesagt in Gatersleben in Sachsen-Anhalt. Und doch ist das neue Projekt in Spitzbergen einmalig, vor allem wegen seiner Lage: Denn die Proben liegen hier so weit entfernt wie möglich von den Irrungen und Wirrungen der Welt - nur rund 1000 Kilometer vom Nordpol entfernt, auf 78 Grad und 13 Minuten nördlicher Breite.

Auch wenn längst nicht feststeht, wie der globale Klimawandel die Bedingungen auf der arktischen Insel einst verändern wird, ist eines klar: Die allermeisten Genbanken in Entwicklungsländern sind schlechter dran und schon heute in einem bemitleidenswerten Zustand. Vernachlässigung, Konflikte und Naturkatastrophen haben vielen Sammlungen arg zugesetzt. Und so soll das Lager in Spitzbergen als letzte Zuflucht dienen, als globale Arche Noah.