"Geschichte ist die Erinnerung der Staaten", sagte Henry Kissinger, und meinte damit besonders die Staatsmänner und Entdecker: Kolumbus, Washington, Jackson, Lincoln - die großen Namen sind selbstverständlich Teil der amerikanischen Geschichtsschreibung. Dass diese die meisten ihrer Ziele nur durch Gewalt und Unterdrückung erreichen konnten, wird oft vergessen oder als „bedauerlich, aber notwendig“ hingenommen. Dennoch sind es die Taten der großen Namen, aus denen Historiker unverrückbare Fakten schaffen – und dabei notwendigerweise alternative Sichtweisen vernachlässigen.

Auch der Geschichtsprofessor Howard Zinn vertrat, als er vor etwa 30 Jahren anfing, eine „andere Geschichte Amerikas“ zu schreiben, die Ansicht, dass es unvermeidlich sei, als Historiker eine bestimmte Perspektive einzunehmen. Aber wenn man eine solche schon einnehmen müsse, „dann doch nicht die der Henker“, sagte Zinn. Nationen seien keine geschlossenen Gemeinschaften und waren es noch nie. Ein „nationales Interesse“ gebe es nicht. Die Geschichte jedes Landes verberge stattdessen bittere Interessenkonflikte, in denen es immer auch Verlierer gebe.

Und so kommen in seinem Buch Eine Geschichte des amerikanischen Volkes alle jene zur Sprache, deren Stimmen bis heute normalerweise nichtdurchgedrungen und nicht zu hören sind. Zinn erzählt die Entdeckung Amerikas aus der Perspektive der Ureinwohner und vom Standpunkt der Sklaven aus, er erzählt von der Industrialisierung aus der Sicht der Frauen in den Textilwerken, vom Ersten Weltkrieg aus der Sicht der Sozialisten und vom Zweiten Weltkrieg aus der Sicht der Pazifisten. Sein Werk will zeigen: Die Geschichte Amerikas ist mit Blut geschrieben, und gerade die ersten Jahrzehnte und Jahrhunderte der Besiedelung waren von Gräueltaten geprägt.

Die erste Auflage erschien 1980. In den USA wurde es mittlerweile millionenfach verkauft. Nun liegt Zinns Eine Geschichte des amerikanischen Volkes  - ergänzt um die Geschehnisse bis 2002 - in deutscher Übersetzung vor.

Und auch wenn diese zuweilen etwas holprig und mit wilder Grammatik versehen ist, bleibt Zinns Herangehensweise überzeugend. Unzählige Quellen recherchierte er, zum Teil führt Zinn so viele Stimmen an, dass man von der schieren Masse in diesem klein bedruckten Band überwältigt wird. Auch inhaltlich sind die Zahlen beeindruckend: So erfährt man etwa, dass im Laufe der Jahrhunderte etwa 50 Millionen Menschen in Schwarzafrika für die Sklaverei gefangen genommen wurden und von diesen gar nur ein Drittel Amerika überhaupt lebend erreichte.

Noch viel eindringlicher als die großen Verläufe wirken aber die Einzelschicksale und Fallbeispiele. Zeitdokumente beschreiben etwa die Situation an Bord eines Sklavenschiffs: „Die Höhe zwischen zwei Decks betrug manchmal nur 45 Zentimeter, sodass die armen Menschen sich nicht umdrehen oder auch nur zur Seite drehen konnten; und üblicherweise waren sie auch am Nacken und an den Beinen an das Deck gefesselt. Einige hatten beim Versuch, an Luft zu kommen, andere getötet.“