Wang Guangze, geboren 1972 in Xinyang, in der Provinz Henan, arbeitete nach seinem Jura- und Philosophie-Studium als Journalist bei der staatlichen ZeitungLegal Daily. Wegen Rechtsbeihilfe für Mitglieder der verbotenen Chinesischen Demokratischen Partei verlor er dort 1999 seine Arbeit. Wang wechselte zur Wirtschaftszeitung 21st Century Economic Herald, auch als "Wallstreet Journal Chinas" bezeichnet. Auch hier wurde er 2004 wegen seinen Engagements für die Demokratie entlassen. Seitdem will ihn keine chinesische Zeitung mehr anstellen. Anfang 2007 gründete Wang mit 20 anderen chinesischen Intellektuellen einen Think Tank, China Reconciliation , der sich für Frieden und Freiheit in China einsetzt.

ZEIT online: Im Vorfeld der Olympischen Spiele hat die chinesische Regierung nur gemischte Signale an Dissidenten im eigenen Lande gesendet: Sie hat Journalisten vorzeitig freigelassen, dagegen aber Menschenrechtsaktivisten verhaftet und verurteilt. Wie beurteilen Sie die aktuelle Handhabung der Regierung gegenüber Dissidenten?

Wang Guangze: Die Regierung fährt eine Doppelstrategie. Gegen Leute, die die Olympischen Spiele offen kritisieren oder attackieren, geht sie hart vor. Aber gegenüber anderen, die sich auf die Diskussion von politischen Reformen beschränken, bleibt die Regierung relativ tolerant. Denn Peking will vermeiden, dass durch größere Verhaftungswellen die internationale Kritik an ihr wächst. Sie will vor den Olympischen Spielen nicht noch mehr unter Druck geraten. Deshalb bedroht sie derzeit nicht pauschal allen Dissidenten, sondern sie verhaftet nur die, die aus ihrer Sicht eine reibungslose Durchführung der Olympischen Spiele gefährden.

ZEIT online: Sollte man als internatione Staatengemeinschaft unter diesen Vorzeichen die Olympischen Spiele nicht boykottieren - aus Protest?

Wang: Ich selbst unterstütze die  Ausrichtung der Olympischen Spiele, allerdings unter bestimmten Bedingungen. Es ist nicht hinzunehmen, dass im Namen der Olympischen Spiele die Menschenrechte verletzt werden, zum Beispiel wenn vielen Wanderarbeitern während der Spiele ihr Aufenthalts- und Arbeitsrecht in Peking entzogen wird. An sich haben die Spiele aber etwas Positives für China. Die Volksrepublik lässt sich so ein Stück weiter auf internationale Gesellschaft mit ihren Werten und Regeln ein.

ZEIT online: Haben Sie nicht die Befürchtung, dass die chinesische Regierung die Spiele als Propagandamittel benutzt?

Wang: Das macht die Regierung in der Tat schon längst. Auf der einen Seite lehnt sie eine Politisierung der Olympiade ab, aber auf der anderen Seite politisiert sie diese selbst gehörig. Sie will ihre Legitimität erhöhen, indem sie sagt: "Schaut alle her, das ist unser Werk, das alles haben wir geschafft, wir sollten unbedingt weiter regieren." Daher hoffe ich, dass andere Staaten die Gelegenheit nutzten, um mehr Druck auf China auszuüben. Denn wenn China die Spiele ausrichtet, soll es auch an Werten der internationalen Gemeinschaft gemessen werden. Peking sollte sich an der Idee einer offenen Gesellschaft orientieren und nicht an einer geschlossenen, von einer Diktatur beherrschten, welche die Welt als gefährlich ansieht.

ZEIT online: Erreicht man aber mit Kritik an China nicht oftmals genau das Gegenteil: Abschottung und diplomatische Verstimmung?

Wang: Ich glaube, dass die internationale Kritik an China noch nicht groß genug ist. Es darf keine blinde Toleranz geben. Ansonsten gerät man leicht in eine Position der falschen Neutralität, so wie es bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin der Fall war. Deshalb hoffe ich, dass der Druck auf China zunimmt. Allerdings muss die internationale Gemeinschaft dann auch den Druck aushalten können, den China rückwirkend auf sie ausübt. Nachdem Angela Merkel den Dalai Lama empfangen hatte, hat Peking viele Treffen und Dialoge abgesagt. Aber vor so etwas sollte das Ausland keine Angst haben.

ZEIT online: Können die Olympischen Spiele auch positiv den Wandlungsprozess in China beeinflussen?