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Dieter Wellershoff, Jahrgang 1925, gehört zur großen alten Garde der deutschen Literatur. Er schrieb unzählige Romane, Erzählungen und Essays. Unter anderem geprägt durch die Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg durchzieht sein Werk eine radikal existenzphilosophische Perspektive und eine Kritik an allem Konformen und Kollektiven. Als langjähriger Lektor spürte er literarische Talente auf, betreute Heinrich Böll und Rolf Dieter Brinkmann. Auf der Lit.Cologne steht er nun dem literarischen Nachwuchs zur Seite: dem Autor Jörg Albrecht (Jahrgang 1981) und der mehrfach ausgezeichneten Schriftstellerin Marion Poschmann (Jahrgang 1969). Albrecht und Poschmann wurden wie einst Wellershoff mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Ein Gespräch über Literatur und deren Förderung.

ZEIT online: Sie lesen auf der Lit.Cologne zusammen mit den Jungautoren Marion Poschmann und Jörg Albrecht unter dem Motto Fördern! . Was bedeutet das Ausrufezeichen in diesem Titel? Gibt es einen Missstand, was die Förderung des literarischen Nachwuchses betrifft?

Dieter Wellershoff: Ehrlich gesagt, war mir das Thema bis jetzt gar nicht bewusst. Ich ging davon aus, dass ich einfach dort aus meinem Erzählungsband Das normale Leben lese. Ich fördere ja schließlich niemanden.

ZEIT online: Also sind Sie nur eine Art Lockvogel?

Wellershoff: Vermutlich. Ich bin jedenfalls nicht dafür da, die beiden zu beurteilen oder zu kritisieren.

ZEIT online: Sie haben mit der Schriftstellerin Marion Poschmann und dem jungen Autor Jörg Albrecht aber auch etwas gemeinsam: Sie wurden alle mit dem Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet. Der Preis ging 1962 an Sie, Poschmann und Albrecht wurden 2007 geehrt.

Wellershoff: Ja. Aber es ist auch ein Unterschied: Es gibt fünf Mal so viele Autoren wie damals zu meiner Zeit in den sechziger Jahren. Sich heute als Autor zu behaupten ist ungeheuer schwierig. Da haben die Förderpreise eine wichtige Signalwirkung.

ZEIT online: Was heißt das? Wird denn zu viel oder zu wenig gefördert?

Wellershoff: Zu wenig bestimmt nicht. Es gibt so viele Stipendien, Workshops, Auslandsaufenthalte – da wird der literarische Nachwuchs von einer Förderung zur nächsten weitergereicht und so von einem großen Netzwerk gehalten, mindestens bis die Autoren 40 sind, erst dann sind sie auf sich allein gestellt. Die Förderpreise sind da wie Werbung für die Bücher.

ZEIT online: Können sich die Leser darauf verlassen? Steckt in den Büchern Qualität, auf denen ein Förderpreis-Etikett klebt?

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Wellershoff: Wenn man die Klappentexte liest, denkt man jedenfalls: Das sind alles Genies. Da weiß man dann in der Regel immer noch nicht, ob man ein Buch lesen soll.

ZEIT online: Wie soll man also eine Auswahl treffen?

Wellershoff: Man muss die Werbe- und Klappentexte gegen den Strich lesen.

ZEIT online: Aber dann ist man doch wahrscheinlich am Ende auch nicht schlauer.

Wellershoff: Eigentlich kann man schon beim Lesen der ersten Seiten entscheiden, ob ein Buch gut ist oder nicht. Ganz schlecht kann es nicht sein, wenn der Anfang schon gut ist.

ZEIT online: Was macht denn nun ein Buch zu einem guten Buch?

Wellershoff: Eine Sprache, die keine Klischees benutzt, die aber anschaulich genug ist. Man kann über jedes Thema schreiben, solange es sich nicht in die Klischeehaftigkeit verliert. Und es muss eine Geschichte sein, die etwas andeutet und nicht gleich alles erzählt; sie muss interessant bleiben. Außerdem muss man als Autor versuchen, eine Position zu beziehen.

ZEIT online: Sie selbst haben dies unter dem Begriff "Neuer Realismus" zu fassen versucht.

Wellershoff: Ja, ich wollte damit sagen: Wir brauchen eine neue Art des Sehens, einen neuen frischen Blick.

ZEIT online: Machen diese Kriterien einen Autor förderungswürdig, oder anders gefragt: Welche Autoren werden gefördert?

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Wellershoff: Es gibt sehr viele hoffnungsvolle Anfänge, die ihre Förderung verdienen. Aber dann hört man nichts mehr. Und die Szene wird immer unübersichtlicher und komplexer. Da finde ich selbst es keine schöne Vorstellung, heute jung zu sein und mit dem Schreiben anzufangen. Ich denke, da herrschen sehr selektive Schemata und ein starkes Konsensdenken.

ZEIT online: Was ist, wenn man nicht diesen Schemata entspricht oder nicht zum Fördernetzwerk gehört. Hat man da als Jungschriftsteller überhaupt eine Chance?

Wellershoff: Ich glaube, es bleibt den Autoren heute gar nichts anderes mehr übrig, als sich öffentlich zu machen. Ich habe immer versucht, marktfern zu schreiben, rein nach meinem spontanen Selbstausdruck.

ZEIT online: Gibt es so etwas noch, wenn das Schreiben wie in Leipzig und Hildesheim universitär gelehrt wird?

Wellershoff: Die Studiengänge, in denen die Schreibtechniken gelehrt werden, sorgen sicherlich für ein bestimmtes, verlässliches Qualitätsniveau, aber es besteht auch die Gefahr der Monotonie und Konformität.

ZEIT online: Dinge, gegen die Sie sich sträuben?

Wellershoff: Meine Erfahrungen als junger Soldat im Zweiten Weltkrieg haben mich stark geprägt. Aber sie waren gleichzeitig auch ein Glücksfall. Der Krieg hat mich gelehrt: Es ist nichts garantiert im Leben. Und ich habe eine starke Skepsis gegen alles Kollektive, gegen vorherrschende Meinungen entwickelt. Ich bin erschreckt, wenn ich sehe, wie die Jugend sich heute dem Event verschreibt und alles – ob den Papst oder einen Popsänger – sehr schnell zum Star erhebt. Das ist kollektive Selbstentfremdung.

ZEIT online: Wie kann man als Autor dem begegnen und vielleicht auch entgegenwirken?

Wellershoff: Der Mensch muss seine eigene Notwendigkeit finden…

ZEIT online: ... klingt nach Sartre.

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Wellershoff: Ja, ich wurde stark durch die französischen Existenzialisten geprägt, Sartres These "Die Hölle, das sind die anderen", sein Stück Geschlossene Gesellschaft , Camus‘ Sisyphos und so weiter, aber auch zum Beispiel durch Georg Lukács. Selbst- und Fremdwahrnehmung, das sind meine Themen. Der Mensch als ein exzentrisches Wesen, das im ständigen Austausch mit anderen steht, aber doch auf sich allein gestellt ist. Aber das ist auch wichtig: Nur allein ist man stark, würde ich sagen.

ZEIT online: Würden Sie diese Sicht einem jungen Autor an die Hand gereichen?

Wellershoff: Jeder muss seine eigene Sicht entwickeln. Man muss sich klarmachen: Was denke ich wirklich? Es ist wunderbar, seinen eigenen Weg zu gehen. Gleichzeitig kann man den aber nur finden, wenn man viel liest, sich viel mit Literatur auseinandersetzt. Man kann sich an Vorbilder halten oder sich von anderen explizit absetzten. Aber als Schriftsteller kommt man weder ohne Erfahrung noch ohne literarische Kenntnis aus.

ZEIT online: Was haben Sie denn zuletzt gelesen?

Wellershoff: Ehrlich gesagt, widme ich mich derzeit vor allem meinem eigenen Schreiben, solange mir noch Zeit bleibt. Im Moment schreibe ich einen Aufsatz über das Sterben. Mir ist aber in letzter Zeit auch kein Buch in die Hände gefallen, das mich interessiert hätte. Vielleicht lese ich als nächstes das Buch von Jonathan Littell , um zu sehen, wie sich dieser Autor mit dem Krieg auseinandersetzt.

Das Gespräch führte Susanne Schmetkamp .