Das schlechte Gewissen lauert in Halle 4.1. Oben, über den Köpfen der Besucher, hängen große Banner an den Metallstreben zwischen den Neonlichtern: „ECOtourism“ ist darauf zu lesen. Umweltverträgliches Reisen – wer immer noch glaubt, sorglos die Welt umrunden zu können, wird spätestens auf der Tourismusbörse über die Folgen seiner Ferien aufgeklärt. „Flüge unter 700 Kilometern Strecke sollte man gar nicht erst buchen“, mahnt Dina Bauer am Stand des „forumandersreisen“. „Kurzreisen sind eine Umweltsünde.“

Ertappt. Ein wenig Scham errötet die Wangen, als ich an die eigene Freude über die niedrigen Flugpreise denke. „Spenden könnte helfen“, sagt Dina Bauer und drückt einen blauen Prospekt von „atmosfair“ in die Hand. Ich gelobe Besserung, mogele mich am Stand von „tourism watch“ vorbei und spüre die bohrenden Blicke der Mitarbeiter in meinem Rücken.

Die umweltgestresste Seele sucht Entspannung und findet sie auf einem Bildschirm: dort läuft einem Ayurveda-Urlauber warmes Öl über den Kopf. Bei so viel Wohligkeit nehme ich Wolfgang Petry aus den Lautsprechern hinter mir fast nicht mehr wahr, wie er von der Hölle Hölle Hölle singt. Schließlich wähne ich mich schon im Wellness-Himmel. Der erstreckt sich über die schier endlosen Weiten der Hallen. Egal welches Land, überall wird dem stressgeplagten Urlauber Erholung versprochen. Am Sri-Lanka-Stand wird das Versprechen auch gleich eingelöst: Besucher streifen ihre Winterstiefel ab, damit die geschundenen Messefüße von freundlichen Damen geknetet werden können. Die Frauen lächeln, aber sie wissen: Diese Füße sind heute schon durch viele Länder gegangen.

Den Geruch getragener Socken noch in der Nase, mischt sich ungewohnter Duft in die Messeluft. Weihrauch? Gleich ganze Schwaden davon nebeln Guatemala ein. Religionstouristen kommen gerne nach Antigua, sagt Marcos Bermudez Apel. Sinnsucher und Spirituelle könnten vor allem im Urlaub ihren Geist befreien. Psychedelische Klänge setzen ein, zwei Mayas steigen auf eine schmale Bühne und winden wie Schlangen ihre biegsamen Körper.

Aber wo bleiben Tiere, Gefahren, Abenteuer? Das kleine Wasserbecken mit den Zierfischen, vorhin, bei dieser Karibikinsel, das kann es doch noch nicht gewesen sein. Mit immer noch weihrauchgeschwängertem Kopf irre ich durch die Hallen und lande plötzlich wieder in Halle 4.1. Der Ökotourismus, er hat mich wieder eingeholt. Aber halt: eine Kletterwand, ein Hochseilgarten – hier streichelt man keine zarten Seelen, hier zählt nur pure Muskelkraft.

Auf einer großen Leinwand, umringt von Campingstühlen, ziehen sich in „Adventure-Movies“ durchtrainierte Körper mit Klimmzügen an Steilwänden hoch, mit nichts als tausend Meter Himalayaluft unter den Füßen. Mit irrem Blick laufen Extremsportler auf Abgründe zu, um ohne ein Zögern herunterzuspringen. Nebenan, auf dem Hallenboden, werden Zelte aufgestellt und Rucksäcke drapiert – wenn einen die Lust auf Wildnis und Abenteuer packe, klären mich die Standmitarbeiter auf, müsse man jederzeit bereit sein.

Der Tourist von heute, er will offenbar was erleben und an die eigenen Grenzen gehen. Im Krater des Kilimandscharo schlafen oder auf der Whiskey-Route zu dessen Gipfel kraxeln. Wer denkt, er werde dabei mit Schnaps versorgt, outet sich als blutiger Outdoor-Anfänger.