Für den kolumbianischen Präsidenten Álvaro Uribe markiert die Tötung des „Farc-Kanzlers“ Raúl Reyes seinen bisher größten militärischen Triumph. Während der vergangenen sechs Jahre seiner Amtszeit war es den Streitkräften zwar gelungen, die Reihen der „Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia“ erheblich zu lichten, deren Truppenstärke unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 8000 und 25.000 Kämpfern schwankt.

Laut Regierungsangaben haben seit dem Jahr 2002 insgesamt 8221 Guerilleros freiwillig die Waffen niedergelegt. Die kolumbianische Zeitschrift Cambio beziffert die Zahl der Rebellen, die in den vergangenen zwei Jahren bei Gefechten getötet worden sind, auf 4901. Ein Schlag gegen die oberste Führungsebene der Farc, das sogenannte „Sekretariat“, war den Militärs bisher allerdings nie gelungen.

Reyes alias Luis Edgar Devia, 59, zählte zur alten Garde der Farc und war einer der zentralen Farc-Unterhändler während der Friedensverhandlungen mit Uribes Vorgänger Andrés Pastrana. Bereits im Alter von 20 Jahren hatte er sich der Guerilla angeschlossen, die sich bis heute als marxistisch definiert, obwohl die Ideologie im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte weitgehend dem Pragmatismus des Drogenhandels gewichen ist. Reyes galt als Kanzler der Rebellen, als rechte Hand ihres Anführers Manuel Marulanda. Seit Jahren wird jedoch darüber spekuliert, ob der beinahe 80-jährige Farc-Chef überhaupt noch am Leben ist. Gut möglich, dass Reyes inoffiziell längst an die Spitze der Guerilla aufgestiegen war.

Es könnte sich jedoch bald herausstellen, dass die kolumbianischen Streitkräfte mit ihrem Angriff am Wochenende Öl statt Wasser ins Feuer des bewaffneten Konflikts gegossen haben. Während Uribe weiterhin behauptet, die kolumbianische Luftwaffe sei bei ihrer Operation im Grenzgebiet gegen ein Farc-Camp auf nationalem Territorium von ecuadorianischer Seite aus unter Beschuss genommen worden, habe sich also lediglich „verteidigen“ müssen, scheinen die beiden Nachbarstaaten diese Einschätzung nicht zu teilen.

Kolumbien wirft den beiden Nachbarstaaten zudem vor, geheime Absprachen mit den Farc-Rebellen getroffen zu haben und behauptet, Beweise dafür zu haben. Die Regierung von Präsident Hugo Chávez habe die kolumbianischen Farc-Rebellen mit 300 Millionen Dollar unterstützt, sagte der Direktor der kolumbianischen Polizei, General Óscar Naranjo, am Montag. Dies gehe aus Dokumenten hervor, die auf Computern des bei dem Militärschlag am Samstag im Nachbarland Ecuador getöteten Farc-Vizes Raúl Reyes gefunden worden seien.

Ecuadors Staatschef Rafael Correa und der venezolanische Präsident Hugo Chávez haben aus Protest gegen die nicht autorisierte Aktion auf ecuadorianischem Staatsgebiet die diplomatischen Beziehungen zu Kolumbien beendet. An beiden Staatsgrenzen wurden die Truppen verstärkt. Kolumbien unternimmt einstweilen nichts, offenbar um die Lage nicht weiter zu verschärfen.