Vorbemerkung von Ortrud Grön:
Sie werden bei den Antworten zu den Träumen sehen, dass ich nicht in der Lage bin, die seelische Situation des Träumenden konkret zu benennen. Dazu sind persönliche Gespräche erforderlich. Ich kann Ihnen hier nur den Weg in die Selbsterkenntnis bahnen. Das aber kann ich aufgrund der Bilder und ihrer objektiven Bedeutung.
Darüber hinaus sind Ihre persönlichen Assoziationen notwendig, um differenziert zu erkennen, wie Sie Ihren Wunsch nach Befreiung noch verhindern, vielleicht aber auch, wodurch Sie disharmonische Gefühle und Gedanken schon auflösen. Je präziser Sie Ihre Assoziationen schildern, umso hilfreicher kann ich auf Ihren Traum eingehen.
Meine Bereitschaft, auch ohne persönliche Gespräche mit den Träumenden etwas zu den Träumen zu sagen, entspricht meinem Bedürfnis, Menschen wieder mit der Gleichniskraft der Bilder unserer Welt vertraut werden zu lassen – eine Fähigkeit, die in der heutigen Zeit weitgehend verloren gegangen ist.

Traum: Auf dem Floß mit Haien
Ich befinde mich in einem Wald. Ich weiß, dass es ein Wald ist, obwohl das schwer zu erkennen ist. Der Boden besteht nur aus schlammiger, schwarzer Erde, die Bäume sind schwarz und glänzen, weil Schleim an ihnen herunterläuft. Der Schleim sickert auch in die Erde. Ich bin barfuss und trage abgerissene Baumwollfetzen am Leib. Ich gehe in dem schleimigen Wald, nirgendwo ist Licht, es ist kein Ende in Sicht.
Plötzlich höre ich, dass sich um mich herum lauter Wesen bewegen. Es sind Ratten, die in Scharen um mich herum rennen. Jetzt fangen sie an, in meine Kleider zu kriechen, ich spüre ihre Krallen auf meiner Haut und die Schwänze, wie sie sich um meine Arme und Beine wickeln. Ich will schreien, aber ich habe keine Stimme. Ich fange nicht an zu rennen, weil ich weiß, die Ratten würden sich nur noch fester an mich krallen. Eine legt sich hinten um meinen Hals herum.
Ich spüre mein Herz in meiner Brust, es schlägt und ich merke, es beschließt, langsamer zu schlagen und mich sterben zu lassen. Als mein Herz nur noch ganz selten schlägt, ändert sich die Situation.
Mit einem Mal sitze ich auf einem Floß. Ich treibe in einer grauen Masse. Um mich herum ist Nebel, ich sehe keinen Meter weit, das Floß ist auch grau, das Wasser ist grau, alles ist grau. Nur mein Pullover nicht. Ich trage einen roten Pullover aus warmer Wolle. Er ist einfach herrlich.
Da kommen Haie, sie fangen an, an meinem Floß zu knabbern, gleichmäßig, von allen Seiten und ich weiß, wenn sie zu Ende geknabbert haben, dann falle ich ins Wasser und werde von ihnen gefressen. Ich muss sie irgendwie ablenken, indem ich ihnen etwas Schönes zeige.
Ich gehe an den Rand des Floßes, es neigt sich gefährlich, ich bücke mich und pflücke mitten auf dem Meer eine Blume. Ich weiß, dass das geht, und es geht auch. Als ich die Blume sehe, packt mich das blanke Entsetzen. Es ist eine Rose, doch sie hat schwarze Blütenblätter und aus ihrer Blüte schlagen blaue Flammen. Ich werfe sie weg, die Haie haben zu Ende geknabbert, ich versinke zusammen mit dem letzten Krümel Holz. Vor mir ist ein riesiger Hai im Wasser, er reißt sein Maul auf. Doch statt der Zähne hat er lauter Eichen im Mund. Wunderschöne Bäume mit vielen grünen Blättern. Ich werde zwischen die Bäume getrieben und verschluckt.
Plötzlich sitze ich auf einer Wolke im All, in der Ferne sehe ich die blaue Erde treiben. Neben mir auf der Wolke wächst ein lila Stiefmütterchen. "Sind wir nicht wundervoll weit weg von dem allgemeinen Wahnsinn?", frage ich das Stiefmütterchen. "Ist das erstrebenswert?", fragt das Stiefmütterchen zurück. "Ich würde gerne weg von der Wolke. An einen Ort, wo ich sein kann.", sage ich in die Luft voller Galaxenstaub hinein. "Nichts leichter als das!", sagt das Stiefmütterchen und schwebt vor mir, verwandelt in einen Pegasus. Ich steige vertrauensvoll auf, da wird es wieder zum Stiefmütterchen. Gemeinsam fallen wir durch das All.
Wir hören niemals auf zu fallen, und die blaue Erde zischt vor meinen Augen vorbei.
(weiblich, 20 Jahre)

Assoziationen von Ortrud Grön:

Da der Traum so vielschichtig ist, habe ich ihn in mehrere Abschnitte unterteilt.

1. Schlammiger Wald: Die Träumerin befindet sich auf Boden, der von ungeklärten Gefühlen verschlammt ist. Sie ist noch nicht in der Lage, Licht in ihre Lebensgestaltung zu bringen, denn die Blätter der Bäume sind schwarz (in schwarzen Blättern ist keine Fotosynthese möglich, d.h. es wird kein Sonnenlicht eingefangen – das können nur die grünen Blätter).
Der Schleim der Bäume betont noch einmal eindringlich, dass die Träumerin nicht an der Gestaltung ihres Lebens arbeitet, denn der Schleim der Bäume enthält keinen Stickstoff, der für den Aufbau der Gestalt notwendig wäre. Auch dass die Träumerin barfüßig geht und keine richtige Kleidung trägt, beschreibt den Mangel, der sie schutzlos macht.

2. Ratten: Diese Tiere leben im Untergrund, sind aggressive Allesfresser, bauen sich unterirdische Fluchtröhren und entwickeln eine triebgesteuerte, ungewöhnliche Lebensenergie im Verborgenen. Es entsteht die Frage, ob die Träumerin zurzeit in einem Milieu leben muss, in dem solch eine Lebensenergie herrscht? Oder bedroht sich die Träumerin in solch aggressiver Weise selbst, weil sie sich in ihrem Selbstwert nicht wahrnimmt?