Es sind nur ein paar Kurven, Tabellen und Diagramme. Doch ihr Inhalt ist brisant. Mehrere Monate haben die Forscher Markus Grabka und Joachim Frick vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgewertet, wie viel die Deutschen verdienen, wie sie von einer Einkommensklasse in die andere auf- oder absteigen und wie zufrieden sie damit sind. An diesem Mittwoch veröffentlichen sie die Ergebnisse, von denen Grabka sagt, sie seien stellenweise "dramatisch".

Glaubt man der neuen Studie des Instituts , hat der Druck der Globalisierung die deutsche Gesellschaft rasch verändert, rascher als bislang angenommen. Zwar ist schon lange bekannt, dass hierzulande die Kluft zwischen Arm und Reich wächst . Die DIW-Ökonomen aber behaupten mehr. Folgt man der These von Grabka und Frick, hat die soziale Krise des Landes nun auch die Mitte der Gesellschaft erreicht. Es bröckelt nicht nur ihr unterer Rand. Auch ehemals gut situierte Personen, denen der Gedanke an einen möglichen Abstieg bislang fremd war, rutschen ab. Lag vor acht Jahren der Anteil der Bevölkerung, der mittelmäßig gut verdient hat, noch bei 62 Prozent, beträgt dieser heute nur noch 54 Prozent. Gleichzeitig wuchsen die Ränder der Gesellschaft um insgesamt 23 Prozent. Die Mitte der Gesellschaft schrumpft, die Ungleichheit wächst.

Die Entwicklung ist nicht neu, historisch betrachtet aber bedeutsam. Jahrzehntelang durften sich in Deutschland über 60 Prozent der Menschen zur Mittelschicht rechnen. Der Soziologe Karl Martin Bolte verglich deshalb die deutsche Verteilung in den sechziger Jahren mit einer Zwiebel - eine dicke Knolle in der Mitte mit schmalen Enden. Bis zum Jahr 2000 blieb dieses Modell weitgehend stabil. Seither verliert die Zwiebel Schale um Schale. Die Formel, dass wer in der Mittelschicht angekommen ist, dort auch ein Leben lang bleibt, gilt nicht mehr. Siemens, BMW, Nokia: Unternehmen, die früher absolute Jobsicherheit boten, lösen mit ihren Konzernumbauten und Entlassungen heute Ängste und Verunsicherung aus.

Gleich drei Entwicklungen begünstigen nach Ansicht der Experten diese Entwicklung. Erstens entfachte die Globalisierung einen Konkurrenzdruck, der sich in Deutschland auf das Lohnniveau niederschlug. Während niedrig qualifizierte Arbeitsplätze aus dem Land verschwanden, blieben die Arbeiter zurück, die Löhne fielen. Gleichzeitig wurden in vielen Bereichen Fachkräfte händeringend gesucht, was deren Löhne in die Höhe schnellen ließ. Die Politik tat das ihrige, unter anderem mit den Hartz-Gesetzen. Durch das neue Arbeitslosengeld II wurden Lohnersatzleistungen gestrichen, der Absturz in die unteren Schichten so beschleunigt.

Zweitens nahm der Kostendruck auf die Unternehmen zu, während die Dividenden und Gewinne der Firmen und Kapitaleigner stiegen. Entscheidend ist aber nach Ansicht der DIW-Forscher ein dritter Faktor: die Art und Weise, wie Menschen in Deutschland beschäftigt sind, ändert sich. Waren im Jahr 2000 noch 64 Prozent der Beschäftigten vollzeitbeschäftigt, sank ihr Anteil bis 2006 auf 55 Prozent. Minijobber, Teilzeitkräfte, Zeitverträge – Beschäftigte der Mittelschicht arbeiten öfter als früher in prekären Verhältnissen. Sie bieten keine Wohlstands-Garantien auf Dauer.

Dennoch ist diese Entwicklung nicht neu – und sie wird nur schwer aufzuhalten zu sein. Vor allem aber ist sie nicht zwangsläufig ungerecht. Denn dass einige weniger verdienen und andere mehr, kann in Gesellschaften auch eine positive Dynamik hervorrufen, Aufstiegswünsche wecken und Karrieren befördern. In Deutschland aber sind die Aufstiegschancen zuletzt nicht wesentlich gestiegen, meinen die Forscher. Sie sprechen von einer "klaren Verfestung" der Einkommensschichten. Das aber ist die eigentlich schlechte Nachricht der Studie.