Die Antwort der Kultusministerkonferenz (KMK) auf die Unruhe in den Schulen und auf den Aufschrei vieler Eltern über das auf acht Jahre verkürzte Turbogymnasium mit dem Stoff von ehemals neun Jahren heißt "flexibilisieren". Konkret: Es bleibt bei 265 gymnasialen Pflichtstunden im Stundenplan bis zum Abitur, aber künftig dürfen davon fünf Stunden "Wahlunterricht" sein. Das beschloss die KMK am 6. März. Außerdem, man genieße diese Sprache im Original, "werden die Länder, in denen es erforderlich ist, auf der Grundlage des Austauschs ihrer Erfahrungen die geforderten Inhalte der Lehrpläne – auch auf dem Weg zu Kerncurricula – anpassen. Es soll gewährleistet werden, dass mit der Stoffvermittlung auch Methodenlernen einhergeht sowie Übungs- und Anwendungszeiten insbesondere in den Kernfächern kombiniert werden."

Und das war es denn auch schon. So sprechen Zentralkomitees maroder Planwirtschaften, in diesem Fall der Lehrplanwirtschaft. Das Schulsystem ist der letzte große VEB, volkseigene Betrieb, der uns geblieben ist. Man gibt etwas "Flexibilität" und hofft, dass dann wieder Ruhe ist auf dem schwankenden Schiff.

Reinhard Kahl schreibt für ZEIT ONLINE die Bildungskolumne Wurzeln und Flügel © privat

Es spricht vieles dafür, die Schulzeit im Gymnasium zu verkürzen, wenn man nicht zugleich versucht, den "Stoff" von neun in acht Jahre hinein zu pressen und dann auch noch völlig darauf verzichtet zu beobachten, was dabei passiert. Kultusminister nennen diese versäumte Selbstverständlichkeit sonst gern "Evaluation" und verlangen sie von anderen. Aber ein ZK weiß ja im voraus, was richtig ist und reicht seine Wahrheiten in Erlassen, dicken Lehrplänen und täglich neuen Regularien von oben nach unten durch. Wie man weiß, mal mit diesem und mal mit einem ganz anderen Inhalt. Die Schulen entwickeln dagegen ihr ganz spezifisches Immunsystem. Irritations- und Reformresistenz sind Nebenfolgen, die irgendwann die Hauptwirkungen sind.

Mit den Kultusministerien ist es ein bisschen wie mit vielen Lehrern, die Zensuren und Bewertungen austeilen, aber ihre Würde schon verletzt sehen, wenn sie nun im Internet von Schülern bewertet werden. Die inzwischen von der Bildungsbürokratie ständig eingeforderte Evaluation kommt ihr selbst, wenn es ums eigene Handeln geht, nicht in den Sinn. Erst entscheiden, dann die Wirkungen der Entscheidungen beobachten und analysieren, und schließlich die Konsequenzen daraus ziehen, das ist das Kleine Einmaleins "lernender Organisationen." Aber nichts findet man davon bei denen, die dafür verantwortlich sind, wie Millionen von Schülern lernen.

Was würde man eigentlich dem Vorstand eines Sportclubs erzählen, der beschließt, man könne ebenso auf Kopfsteinpflaster Tennis spielen, wie auf dem Center Court oder in einer guten Halle? Jeder weiß doch, wichtiger als alle Regeln ist erst mal ein Platz, der die Minimalstandards erfüllt. Aber die Minister übergehen diesen Platz, sie beschließen lieber ganz detaillierte Spielanweisungen.

Konkret: Was müsste in der Schule anders werden, damit nicht die Hälfte der Schüler Nachhilfeunterricht braucht? Wie sollten die Verantwortlichen reagieren, wenn dieser Bedarf gleichzeitig mit dem immer volleren Stundenplan weiter steigt? Was müsste eigentlich unterrichtet werden, damit keiner auf die Idee kommt, Lehrpläne "entrümpeln" zu müssen? Wie müsste unterrichtet werden, damit man diese Inhalte wirklich im Kopf, ja im Körper behält, also so verstanden hat, dass man damit etwas anfangen kann? Wann findet eine Klausur der Kultusministerkonferenz zu diesen Themen statt?