Yossi Beilin ist Abgeordneter des israelischen Parlaments, der Knesset, und Parteivorsitzender der oppositionellen Meretz-Yachad.

ZEIT Online: Am Sonntag wird Angela Merkel in Israel empfangen. Was erwarten Sie von diesem Besuch?

Yossi Beilin: Ich halte die derzeitige Politik von Kanzlerin Merkel für fragwürdig. Sie scheint zu glauben, Freundschaft zu Israel bedeute, sich möglichst wenig einzumischen und sich in einer "Hände-weg!"-Politik zu üben. Damit ergänzt sie die Politik Olmerts ausgezeichnet. Vor allem ist sie damit aber zufrieden, schließlich bekommt sie gemessen an dem geringen Aufwand sehr viel Unterstützung und Anerkennung in Israel. Ich sage das übrigens ungeachtet der Tatsache, dass ich ihre Freundschaft im Allgemeinen sehr schätze, weil sie grundsätzlich ein aufrichtiger Mensch ist. Aber, ehrlich gesagt, interessiert mich Merkels Besuch ansonsten nicht besonders. Auch wenn sechs Minister sie begleiten werden, auch wenn es Schlagzeilen darüber geben wird. Natürlich freut es mich, dass Deutschland und Israel ihre Beziehungen, vor allem in den Bereichen Wissenschaft und Wirtschaft, ausbauen wollen. Aber es ist eben nicht das, was ich von einer Freundschaft erwarte.

ZEIT Online: Wie sehen ihre Erwartungen denn konkret aus?

Beilin: Lassen Sie mich das an einem Beispiel erläutern: Zuerst Iran und die deutsche Iran-Politik. Als Iran den Holocaust abgestritten und den Juden vorgeworfen hat, sie hätten diesen nur erfunden um ein Land zu bekommen, dass es gar nicht hätte geben müssen, hätte ich mir von einem Freund eine andere Reaktion erwartet. Deutschland hätte laut protestieren müssen: Was sagt Ihr da, wie können diese Worte überhaupt über Eure Lippen kommen? Es gab keinen Holocaust? Deutschland hätte sagen müssen: Wir waren die Mörder, unsere Eltern waren die Mörder.

Iran darf kein Mitglied der Vereinten Nationen sein, denn es verstößt gegen die UN-Charta, wenn es die Zerstörung eines anderen Landes fordert und sein Existenzrecht nicht anerkennt. Wenn Merkel eine Freundin ist, und sie ist eine, dann muss sie begreifen, dass Freundschaft mehr ist als nur dazusitzen und nette Anrufe von Ehud Olmert erhalten. Das ist zu einfach.

ZEIT Online: Sollte Deutschland denn auch Stellung zum israelischen Umgang mit den Palästinensern nehmen?

Beilin: Ja, und das bringt mich zu meinem zweiten Beispiel. Es gibt eine israelische und auch eine palästinensische Verbindlichkeit bezüglich der Roadmap. (Der israelische Premier sagt offen, dass Israel seinen Teil nicht umgesetzt hat.) Eine dieser Verbindlichkeiten untersagt den Bau neuer Siedlungen. Ehud Olmert, der übrigens auch ein Freund von mir ist, sagte, dass wir ohne einen palästinensischen Staat verloren sind. Er sagte, dass wir alle illegalen Siedlungen räumen und keine neuen in den besetzten Gebieten bauen sollten. Und jetzt lässt er dreihundert neue Siedlungen bauen!

ZEIT Online: Ist das nicht angesichts des innenpolitischen Drucks verständlich?