Auf der Islamkonferenz wurde beschlossen, dass in Zukunft an deutschen Schulen für muslimische Schüler Islamunterricht angeboten wird. Das ist fair, da in Deutschland christliche Kinder je nach Konfession katholischen oder evangelischen Unterricht besuchen können. Doch ist das zu vereinbaren mit der Trennung von Kirche und Staat? Johann-Albrecht Haupt gehört der Bürgerrechtsbewegung Humanistische Union an, die seit 1961 gegen Einschränkungen der persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten durch Staat, Wirtschaft oder Kirchen eintritt.

ZEIT online: Was halten Sie davon, dass in den Schulen demnächst Islamunterricht erteilt wird?

Johann-Albrecht Haupt: In Deutschland ist der Religionsunterricht verfassungsrechtlich geschützt. Deshalb ist es konsequent, dass auch muslimische Kinder Religionsunterricht erhalten. Allerdings halten wir von der Humanistischen Union es für grundsätzlich falsch, dass der Staat Glauben vermittelt. Er sollte weltanschaulich neutral sein. Die Verquickung von Staat und Religion hat historisch immer zu Leid und Krieg geführt. Aus diesem Grund gibt es in fast allen demokratischen Staaten keinen staatlichen Religionsunterricht.

ZEIT online: Wie ist denn der Religionsunterricht formal organisiert in Deutschland?

Haupt: Die Lehrer sind staatlich ausgebildet und halten sich an einen staatlichen Lehrplan, aber die Kirchen definieren die Inhalte. Die Lehrer bekommen ihre Approbation von der Kirche verliehen, ohne die sie nicht unterrichten dürfen. Es ist explizit festgelegt, dass der Unterricht in "konfessioneller Gebundenheit" stattzufinden hat. Die Kinder sollen also nicht nur lernen, welche Werte und Prinzipien ihre Konfession vertritt und über soziale Themen nachdenken - sie sollen zum Glauben erzogen werden.

ZEIT online: Wie ist es in Deutschland zu dieser Ausnahmeregel gekommen?

Haupt: Das war ein Kompromiss, der 1919 in der Weimarer Republik gefunden wurde, als man die Trennung von Staat und Kirche neu vereinbarte. Die überwiegend konservativen evangelischen Kräfte haben diese Ausnahme durchgesetzt. Und bis jetzt haben sich die Mehrheiten nicht geändert. Zwar sind es nicht mehr 90 Prozent der Bevölkerung sondern 65, die christlich gebunden sind – aber sie lassen eine Änderung nicht zu. Die Kirchen wollen den Zugriff auf die Kinder behalten.

ZEIT online: Was bedeutet das finanziell?

Haupt: Den Staat kostet der Religionsunterricht beträchtliche Summen. Etwa fünf Prozent des Unterrichtsetats wird für Religion ausgegeben, schätzungsweise zwei bis drei Milliarden Euro. Kommt der Islamunterricht noch hinzu, kann man sich vorstellen, wie viel teurer das zusätzlich wird. Die Kosten müssen die Länder tragen. Und letztendlich bezahlen die Steuerzahler den Religionsunterricht, ob sie konfessionell gebunden sind oder nicht.

Der Staat investiert auch nach der Schule noch viel Geld in die Kirche. An den Hochschulen werden nicht nur die Religionslehrer ausgebildet – was natürlich sinnvoll ist, solange noch an Schulen Religion unterrichtet wird – es studieren auch zukünftige Geistliche auf Staatskosten.