Spuren der Verwüstung durchziehen die Straßen von Lhasa. Die südwestliche Zubringerstraße zum Potalapalast ist mit Steinen und Scherben übersät. Die Rollläden der kleinen Läden am Straßenrand sind verbeult und rußgeschwärzt. An der nördlichen Kreuzung regeln Militärpolizisten mit Bajonettgewehren und grünen Stahlhelmen den Verkehr. Autofahrern verwehren die Uniformierten die Weiterfahrt: "Sofort umdrehen", schreien sie. Fußgänger dürfen passieren, sofern sie einen gültigen Ausweis haben.

Am Sonntag sind die meisten Geschäfte geschlossen. Nur ein Kioskbesitzer hat am späten Nachmittag seine Läden hochgezogen. Theke und Warenregal sind unversehrt. Über die Zerstörungen rundherum will der Mittvierziger nichts sagen. Er kümmere sich nicht um Politik, sagt der hochgewachsene Han-Chinese.

Nach den Unruhen der vergangenen Tage hatte die Militärpolizei Lhasa zunächst wieder fest im Griff. Später jedoch kam es erneut zu Ausschreitungen. Panzer seien aufgefahren, erzählten Augenzeugen, und in den Straßen patrouillierten Soldaten. In anderen Teilen Tibets und den chinesischen Provinzen Sichuan, Gansu und Qinghai kam es am Wochenende ebenfalls zu teils gewaltsamen Protesten. Aus Solidarität mit den Mönchen organisierten Exil-Tibeter in vielen Teilen der Welt Demonstrationen. Auch in mehreren deutschen Städten gingen sie auf die Straße.

Neben dem Kiosk des Han-Chinesen in Lhasa, kaum 50 Meter weiter südlich, liegt ein ausgebrannter Santana zwischen zwei Bäumen umgedreht auf dem Dach. Stinkende Gummistreifen hängen von seinen Felgen. In der Nähe steht ein kleiner Junge am weißen Gländer des Bürgersteigs. "Ich habe gesehen, wie das Auto gebrannt hat und wie sie Steine geschmissen haben", erzählt er. Es sei gegen fünf Uhr nachmittags gewesen, als er gerade aus der Schule kam. Seine Mutter und drei andere Tibeter stehen schweigend daneben. "Die Han-Chinesen sind gemein zu uns Tibetern", stößt er schließlich hervor. Seine Mutter, gekleidet in rote Seidentracht, stupst ihn an. Er solle still sein, signalisieren die Blicke der Erwachsenen.

Weder Tibeter noch Han-Chinesen wollen darüber sprechen, was in den vergangenen Tagen in Lhasa geschah und warum. Es waren die gewaltsamsten Proteste in der tibetischen Hauptstadt seit 20 Jahren. Der Schrecken darüber steht den Menschen noch ins Gesicht geschrieben. Wie viel Menschen während der Ausschreitungen ums Leben kamen, ist unklar. Zwischen 10 und über 100 Menschen schwankt die Zahl der Todesopfer, je nach Quelle. Die allermeisten sollen Tibeter sein.

Am Wochenende mehrten sich die besorgten Stimmen aus dem Ausland. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Vertreter anderer Regierungen, unter ihnen US-Außenministerin Condoleezza Rice, appellierten an die chinesische Führung und an die Tibeter, Zurückhaltung zu üben und den Dialog zu suchen. Nur durch direkte Gespräche Pekings mit dem Dalai Lama könne eine nachhaltige Lösung des Problems gefunden werden, sagte Merkel. Internationale Menschenrechtsgruppen verlangen, die Vereinten Nationen sollten die Vorgänge in Tibet untersuchen. Größtmögliche Transparenz forderte auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier am Sonntag in einem fast einstündigen Telefongespräch mit seinen chinesischen Amtskollegen Yang Jiechi. Steinmeier forderte Yang auf, alles zu tun, um die Sicherheit deutscher Staatsangehöriger und Touristen zu gewährleisten.

Bislang zeigten die Bilder des staatlichen chinesischen Fernsehens ein einseitiges Bild der Gewalt. Zu sehen sind junge Tibeter, vereinzelt Mönche, die Steine in Fensterscheiben werfen, Geschäftsinventar auf die Straße reißen, Autos umstürzen und sie in Brand setzen. Eine aktive Rolle der Militärpolizei zeigen die Bilder nicht. Von ihr spricht aber die tibetische Exilregierung in Indien: Die chinesische Polizei habe das Feuer gegen die Demonstranten eröffnet, sagt sie.

Das chinesische Fernsehen berichtet, die demonstrierende Menge habe Unabhängigkeit für Tibet gefordert. Mit ähnlichen Rufen waren schon Tage zuvor Hunderte von Mönchen aus den drei größten buddhistischen Klöstern Lhasas ins Stadtzentrum gezogen. Die Polizei hatte sie mit Tränengas zurückgedrängt. Nun sagen die chinesischen Behörden, die "Dalai Lama-Clique" habe die Proteste angezettelt. Sie wolle versuchen, "Tibet aus dem Vaterland herauszutrennen", melden die offiziellen Fernsehnachrichten. China kündigte an, hart gegen "Separatisten" vorzugehen. Der Dalai Lama dagegen fordert eine Untersuchung der Frage, ob in Tibet ein "kultureller Völkermord" im Gange sei.

Aus seinem Exil im nordindischen Dharamsala sagte das geistliche Oberhaupt der Tibeter am Sonntag, viele seiner Landsleute fühlten sich als Bürger zweiter Klasse. Mit Gewalt könne das Problem aber nicht gelöst werden. Dennoch müsse China die Ursachen der Unruhen gründlich aufarbeiten. In einem Interview des britischen Senders BBC erklärte der Dalai Lama unverändert seine Unterstützung für die Olympischen Spiele in Peking. Aufgrund der Lage in Tibet wird ihr Boykott von einigen Seiten gefordert. Das Internationale Olympische Komitee jedoch sieht dafür keinen Grund.

In Lhasa haben die Sicherheitskräfte am Sonntag einen Ring um die Klöster Sera, Drepung und Ganden gelegt, Ausgangspunkte der Proteste. Dadurch sind die drei buddhistischen Zentren Tibets weder für Touristen noch Einheimische zugänglich. Das Militär blockiert auch die Zufahrtsstraßen zur Innenstadt, besonders um den Jokhang-Tempel und den Barkar-Markt. Auf den grünen Klappen der Armeelastwagen hängen rote Plakate mit gelben Schriftzeichen: "Die nationale Sicherheit schützen und die soziale Ordnung aufrechterhalten", steht darauf. "Es sind unsere Beschützer", sagt eine Han-Chinesin mit weißem Mundschutz. "Die Militärpolizei macht mir keine Angst", sagt ein Tibeter mit Gebetsmühle.

Unweit des verbrannten Santanas sind der tibetische Schüler und die ihn begleitenden Erwachsenen in ein tibetisches Restaurant mit türkisfarbenen Wänden eingekehrt. Unter Plakaten der Stadt Lhasa und Fotos chinesischer Popstars stehen drei kniehohe Holztische und mit braunen Kissen gepolsterte Bänke. Eine Runde von jungen Tibetern und zwei älteren Männern trinkt schweigend Yak-Tee.

"Wir haben hier alle Angst zu sprechen", sagt die Kellnerin. Die chinesischen Behörden haben bereits begonnen, nach Personen zu fahnden, die an den Protesten teilgenommen haben. Wer sich bis Montag um Mitternacht freiwillig der Polizei stelle oder andere anzeige, bekomme eine mildere Strafe, heißt es in einer offiziellen Verlautbarung der Behörden. Nun hat jeder vor jedem Angst. Ein Gespräch im Restaurant oder auf der Straße kann ein Polizist leicht mithören.

Zwei junge Teenager stürmen in das Restaurant. Sie bestellen Bier und eine Schüssel Nudeln. Der eine zählt sein Geld. Alles sei teurer geworden, seufzt er. Früher kostete eine Jeans in Lhasa umgerechnet drei Euro, jetzt mehr als das Doppelte. "Die Han-Chinesen betrügen uns um unser Geld", schnaubt er und stopft sein Geldbündel zurück in die Hosentaschen. Arbeit sei nur schwer zu finden, und die Löhne der Tibeter seien niedriger als jene der Han-Chinesen, erzählen beide.

Die Polizei habe drei Lamas getötet, erzählt sein Freund, sonst hätten die Tibeter gar nicht losgeschlagen. Denn die chinesischen Soldaten haben ja Gewehre, die Tibeter dagegen nur Steine und Messer. "Der Dalai Lama muss zurückkehren", sagen beide wie fast aus einem Munde, "dann kann alles auch friedlich gelöst werden." Die Kellnerin mit dem Pferdeschwanz wirft ihnen einen beschwörenden Blick zu. Schnell stürzen beide aus dem Laden in die Dunkelheit.

Derweil forderten chinesische Behörden alle Mitglieder ausländischer Nichtregierungsorganisationen auf, bis spätestens Montag das Land zu verlassen, berichtet die Frankfurter Rundschau . Vielleicht, so wird befürchtet, wollen die Sicherheitskräfte danach zuschlagen.

(ergänzt mit Material von dpa)