Aldo Moros Schatten – Seite 1

Es waren 55 Tage, die Italien erschütterten und veränderten. “Der 11. September unserer Demokratie”, glaubt der Publizist Ezio Mauro. 55 Tage von der Entführung des christdemokratischen Politikers Aldo Moro durch die Roten Brigaden am 16. März 1978 bis zu seiner Ermordung am 9. Mai 1978. 55 Tage, die Anlass gaben zu tiefen politischen und menschlichen Zerwürfnissen, wilden Verschwörungstheorien und zersetzenden Zweifeln.

Moros erschütternde Briefe, die er aus der Gefangenschaft an seine Familie, Parteifreunde und Papst Paul VI. schrieb, haben nichts von ihrer Intensität, Verzweiflung, Anklagefähigkeit verloren. Es sind Briefe eines Verschleppten, der sich mit aller ihm verbleibender Kraft gegen das drohende Todesurteil wehrte, und sich doch allein gelassen fühlte von jener Partei, als deren wichtigster Vertreter und brillantester Kopf er galt.

“Ist es möglich, dass Ihr alle meinen Tod wollt, aus vorgeschobener Staatsräson?”, schrieb Moro seinen Parteifreunden. “Meint Ihr wirklich, dass das die Probleme unseres Landes lösen würde?” Er beklagte das “rigide, verschlossene Verhalten” seiner Partei, die nicht mit den Terroristen über die geforderte Freilassung von Gefangenen verhandeln wollte. “Einen Gefangenenaustausch gibt es in jedem Krieg, wenn man die Freigelassenen nur aus dem eigenen Land verbannt”, schlug Moro vor und klagte zum Schluss: “Mein Blut wird auf sie niederkommen.” Gemeint war die Christdemokratische Partei.

Es hat deshalb hohen symbolischen Wert, wenn der greise Christdemokrat, frühere Staatspräsident und Senator auf Lebenszeit Francesco Cossiga am 30. Jahrestag der Entführung vor dem Gedenkstein an der Via Fani in Rom, wo Moro verschleppt und seine fünf Leibwächter brutal ermordet wurden, auf die Knie geht. Cossigas Kniefall ist eher ein Akt eingestandener Ohnmacht als öffentlicher Abbitte – er war Innenminister in den 55 Tagen, die Italien erschütterten. Und er trat am Tag von Moros Ermordung zurück.

Die italienische Regierung hatte sich gegenüber den Roten Brigaden im Entführungsfall Moro nicht anders verhalten als die Bundesregierung Monate zuvor gegenüber der RAF im Fall Schleyer. Keine Verhandlungen mit Terroristen, “es war unmöglich für uns, denn die Roten Brigaden verlangten die Anerkennung als militärische Kampfeseinheit”, sagte später der damalige Generalsekretär der Christdemokraten, Begigno Zaccagnini. Doch anders als in Deutschland ist die strikte Ablehnung von Moros Democrazia Cristiana, auf die Forderungen der Entführer einzugehen, in Italien bis heute umstritten.

Manche strickten daraus Verschwörungstheorien – Cossiga und Andreotti sei die Entführung Moros zupass gekommen, weil sie seinen Annäherungskurs mit den Kommunisten nicht teilten. Dabei wird oft vergessen, dass auch die Kommunisten strikt gegen Kontakte mit den Roten Brigaden waren. Nur die Sozialisten unter Bettino Craxi starteten einen ernsthaften Verhandlungsversuch und machten konkrete Vorschläge zum “Gefangenenaustausch”.

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Noch Jahrzehnte später blühten selbst in der politischen Szene die unglaublichsten Theorien. Erst vor knapp zwei Jahren beschäftigte sich ein Parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit einer mysteriösen Episode um den damaligen Regierungschef Romano Prodi, der zur Zeit der Entführung Moros an einer spiritistischen Sitzung teilgenommen hatte. Dabei sei der Begriff “Gradoli” gefallen. Das ist ein Ort in der Region Latium, aber in der Via Gradoli in Rom wurde auch Aldo Moro gefangen gehalten. Prodi, der die für einen Politiker in der Tat höchst merkwürdige Sitzung nie abgestritten hatte, gab vor dem Ausschuss an, es habe sich bei der Begriffsdeckung um einen Zufall gehandelt. Ein Senator der Berlusconi-Partei aber behauptete, die Episode beweise, dass Prodi über die Affäre Moro mehr gewusst habe.

Andere Theorien ranken sich um eine Mitwisserschaft des amerikanischen Geheimdienstes CIA, eine Beteiligung der Geheimloge Propaganda Due, der Geheimdienstorganisation Gladio. Für nichts gibt es auch nur Indizien, über alles wird bis heute spekuliert.

Am 16. März 1978 war Aldo Moro auf dem Weg von seiner Wohnung ins Parlament, als das Kommando der Rotbrigadisten seine Wagenkolonne stoppte und überfiel. Es hätte ein besonderer Tag für Italien werden sollen: Im Parlament stand die Wahl einer Regierung der nationalen Einheit unter dem Vorsitz von Giulio Andreotti auf dem Programm, auch die Kommunisten hätten dafür gestimmt. Schon die vorherige Regierung, ebenfalls mit Andreotti, war von den Kommunisten unterstützt worden. Im Gegenzug war die KPI am Regierungsprogramm beteiligt worden.

Die Regisseure dieses vielgerühmten compromesso storico (historischer Kompromiss), der die beiden wichtigsten politischen Kräfte zur Überwindung der Wirtschaftskrise und der aufkeimenden Terrorgefahr vereinigen sollte, waren Enrico Berlinguer von der größten kommunistischen Partei Westeuropas und Aldo Moro von der katholisch geprägten Democrazia Cristiana.

Die Roten Brigaden verhinderten am 16. März 1978 die Erfüllung des compromesso storico . In den Jahrzehnten danach standen sich Kommunisten und Christdemokraten stets als politische Gegner gegenüber, bis die im Oktober 2007 neugegründete Demokratische Partei aus exkommunistischen Linksdemokraten und linken Christdemokraten Moros Idee wieder aufnahm. Es ist kein Zufall, dass in diesem Wahlkampf die Demokraten überall im Land Plakate zum Gedenken an Moro geklebt haben – sie betrachten sich als seine politischen Erben.

Moros Mörder, der Rote-Brigaden-Führer Mario Moretti sowie 17 weitere Terroristen wurden 1983 zu lebenslänglichen Freiheitsstrafen verurteilt. Moretti, der wegen anderer Straftaten noch weitere fünfmal lebenslänglich erhielt, ist inzwischen Freigänger. Auch die anderen Tatbeteiligten sind, zum Teil gegen den erklärten Widerstand der Familie Moro Freigänger oder Haft enlassen.

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Der Mord an Aldo Moro bedeutete den endgültigen Bruch zwischen den Roten Brigaden und der außerparlamentarischen Linken in Italien. Anders als in Deutschland konzentrierte sich der Terror der Rotbrigadisten nicht auf konservative Politiker, Wirtschaftsführer und andere Vertreter des Staates, sondern auch auf Gewerkschafter und Journalisten. Ähnlich wie in Deutschland wurden aber auch hochrangige Juristen ermordet.

Seit 2000 gibt es die sogenannten Neuen Roten Brigaden, die 1999 den Arbeitsrechtler Massimo D’Antona und 2002 dessen Kollegen Marco Biagi ermordeten. Die Rädelsführer dieser Attentate sitzen inzwischen hinter Gittern. Im Februar 2007 wurden 15 Neue Brigadisten verhaftet, unter ihnen sieben Gewerkschafter. Die italienische Polizei vermutet hinter diesen Festnahmen einen entscheidenden Schlag gegen den neuen Linksterror. Ob aber die Roten Brigaden damit endlich der Vergangenheit angehören, weiß niemand.