Mit der Ausweisung der letzten ausländischen Journalisten aus Tibet geht die Chance verloren, den Ursachen der schweren Ausschreitungen in Lhasa auf den Grund zu gehen. "Letztlich weiß man doch noch gar nicht, was passiert ist", sagt Georg Blume. Er berichtet seit vielen Jahren für die ZEIT und die Berliner tageszeitung aus China und hielt sich gemeinsam mit der Journalistin Kristin Kupfer seit einigen Tagen in Lhasa auf.

Wer die Wahrheit über das herausfinden wolle, was sich in Tibet in den vergangenen Tagen abgespielt habe, müsse vor allen Dingen mit den Zeugen des Geschehens reden - und das sei nur in Tibet selbst möglich, sagt Blume. Jede Information, die aus Peking oder Dharamsala kommt, sei letztlich verdächtig.

Gerade in Lhasa sei es möglich gewesen, ausführlicher mit Augenzeugen und Teilnehmern an den Demonstrationen zu sprechen. Auch Aussagen von chinakritischen Tibetern, die das Vorgehen der Polizei gegen den plötzlichen Gewaltausbruch auch durchaus in einem positiven Licht dargestellt hätten, habe er gehört. "Solche Berichte kommen jetzt eben auch nicht mehr an die Öffentlichkeit."

Ein Tibeter, der sich als Unterstützer des Dalai Lama und scharfer Chinakritiker erwiesen habe, habe ihm gegenüber eingeräumt: "Ehrlich gesagt, mit der Gewalt sind wir zu weit gegangen." Dieser Augenzeuge habe ferner berichtet, dass die Polizei nicht geschossen habe.

"Aber wenn die Behörden dich dann ausweisen, bist du dir wieder nicht sicher, ob sie nicht doch etwas zu verbergen haben", sagte Blume, der auch gesehen hat, wie bewaffnete paramilitärische Polizisten von Haus zu Haus gingen, um verdächtige Tibeter festzunehmen.