1. Die Olympischen Spiele boykottieren

Es gibt nicht viele Politiker, die sich bisher offen für die drastischste aller Maßnahmen ausgesprochen haben. Claudia Roth und Winfried Herrmann (Grüne) zählen zu den ersten deutschen Politikern, die ein völliges Fernbleiben von den Olympischen Spielen in Erwägung ziehen. Am Wochenende bekamen sie nun Unterstützung von Hans-Gert Pöttering (CDU), dem Präsidenten des Europaparlaments. Er verlangt von China sofortige Gespräche mit dem Dalai Lama. "Bleiben Signale aus, halte ich auch Boykottmaßnahmen für gerechtfertigt", sagte Pöttering. "Wir wollen erfolgreiche Spiele – aber nicht zum Preis des kulturellen Völkermords an den Tibetern, von dem der Dalai Lama spricht." Auch der neu gewählte Präsident Taiwans, Ma Zing Jeou, sagte: "Sollte sich die Lage in Tibet verschlimmern, würden wir in Erwägung ziehen, keine Athleten zu den Spielen zu schicken."

Doch in Deutschland bleibt ein Boykott äußerst umstritten. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Als Nachfolger des Nationalen Olympischen Komitees vertritt er die deutschen Interessen beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) und ist auch für die Nominierung deutscher Athleten zuständig. Mit seiner Erklärung vom Montag hat sich der DOSB klar gegen einen Boykott ausgesprochen. Die Rolle des Sports sei die Förderung des Dialogs und der Verständigung, heißt es darin. "Seine Aufgabe ist es, Brücken zu bauen, nicht Mauern zu errichten. Deshalb taugt der Sport nicht als politisches Druckmittel." Der Sport sei nicht in der Lage, Probleme zu lösen, die weder die Vereinten Nationen noch einzelne Regierungen in jahrzehntelangen Anstrengungen bewältigen konnten.

Unterstützung erhält der Dachverband des deutschen Sports von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch, die einen Boykott nicht unterstützen. Der gewichtigste Einspruch dürfte allerdings aus Dharamsala stammen. "Ich will die Spiele", sagte der Dalai Lama in seinem indischen Exil, ein Boykott würde nur das chinesische Volk bestrafen. "Wir befinden uns in einem Konflikt mit der chinesischen Regierung, nicht mit dem Volk."

2. Die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele boykottieren

Dieser eher ungewöhnliche Vorschlag stammt aus Frankreich. Dort hatte Außenminister Bernard Kouchner die Politiker der EU aufgefordert, einen Boykott der Eröffnungsfeier in Erwägung zu ziehen. "Was mich betrifft, so bin ich für diese interessante Idee sehr offen", sagte der Mitbegründer der Organisation "Ärzte ohne Grenzen". Auch in Deutschland trifft der Vorschlag durchaus auf Zustimmung. "Einen Verzicht auf die Eröffnungsfeier halte ich für sehr sinnvoll und effizient", schrieb Heidi Schüller in der Welt am Sonntag . Die ehemalige Leichtathletin hatte 1972 bei den Olympischen Spielen in München als erste Frau den olympischen Eid gesprochen. Jetzt schreibt sie: "Als Fähnchen schwenkende Staffage zur Huldigung eines autoritären Regimes sollten sich weder Athleten noch Sportfunktionäre oder Politiker der freien Welt hergeben."

Tatsächlich würde ein Boykott der Eröffnungsfeier China empfindlich treffen. Das Ereignis am 8. August im neuen Nationalstadion vor den Augen der Weltöffentlichkeit ist für die Chinesen ungeheuer bedeutsam. "Fast wichtiger als die Spiele selbst", sagt ein ausländischer Beobachter. Immer noch werden im Nationalstadion die letzten Vorbereitungen für die Show des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou getroffen. 10.000 Statisten und Schauspieler sollen die 5000-jährige Geschichte Chinas darstellen. Der Einzug der Athleten bildet gewöhnlich den Mittelpunkt der Eröffnungsfeier, meistens bleiben die Sportler allenfalls aus sportlichen Gründen fern. Jiang Xiaoyu, der Vizepräsident des Pekinger Organisationskomitees Bocog, wollte zuletzt nicht näher auf die Frage eingehen, was ein Boykott der Feier für China bedeuten würde. Er sagte lediglich: "Nur einige kleine Gruppen und Personen versuchen die Spiele mit politischen Themen zu verbinden."


3. An den Olympischen Spiele teilnehmen und damit auf eine weitere Öffnung Chinas hinwirken

Das ist bisher die Antwort des Sports auf die Ereignisse in Tibet. Zumindest argumentiert DOSB-Chef Thomas Bach so. "Einen Boykott hätten unsere Athleten nicht verdient", sagt Bach, "sie können vielmehr im Land ihre Meinung sagen, diese Botschaft ist nachhaltiger, als zu Hause zu bleiben." Der internationale Sport setzt offenbar immer noch darauf, dass er in China nicht für eine Propaganda-Show herhalten muss, sondern eine positive Wirkung hinsichtlich einer Öffnung Chinas hinterlassen kann. "Die Vergabe der Olympischen Spiele an das bevölkerungsreichste Land der Welt wird ein Fünftel der Menschheit für den olympischen Geist öffnen", sagt IOC-Präsident Jacques Rogge. "Wir glauben, dass China sich verändern wird, indem es sich der Überprüfung durch 25.000 Journalisten unterzieht, die zu den Spielen kommen werden." Zumindest ein Teil der deutschen Sportler könnte tatsächlich bereit sein, in Peking Stellung zu beziehen. "Was derzeit in Tibet passiert, ist einfach nur traurig", sagt zum Beispiel die Stabhochspringerin Anna Battke. "Da ist es die Pflicht von Sportlern, auf Ungerechtigkeit aufmerksam zu machen." Battke hatte bereits bei der Hallen-WM in Valencia für Aufsehen gesorgt, als sie mit einem Stift "Stop Doping" auf ihren Bauch schrieb.

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung von tagesspiegel.de)