Auch an dem Bedrohungsszenario wird festgehalten, obwohl an ihm ebenfalls Zweifel bestehen. "Die Bedrohung Amerikas durch ballistische Raketen wächst seit Jahrzehnten", sagte US-Präsident George Bush im Oktober 2007 in einer Rede vor der National Defense University . "Im Jahr 1972 gab es lediglich neun Staaten, die ballistische Raketen besaßen. Heute ist diese Zahl auf 27 gewachsen – und sie schließt feindliche Regimes ein, die Verbindungen zu Terroristen haben." Die Zahl stimmt, allerdings wird der größte Teil gestellt von Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Israel oder Indien. Die meisten der von Bush als Bedrohung genannten Länder sind Alliierte der USA. Übrig bleiben nur zwei: Iran und Nordkorea.

Beide Länder entwickeln und erforschen Raketen, beide Länder interessieren sich sehr für nukleare Waffen und sind erklärte Gegner der USA. Bisher aber haben beide Länder nichts in ihren Arsenalen, was den USA gefährlich werden könnte. Zwar forschen sie in atomaren Anlagen und starten immer mal wieder Raketen. Doch sind sie, wie auch der amerikanische Geheimdienst CIA zugibt, noch viele Jahre davon entfernt, eine echte Bedrohung zu werden. Weder haben sie Interkontinentalraketen – deren Konstruktion sehr aufwendig ist, da ihre Hülle nur fünf Prozent des Gesamtgewichts ausmachen darf, aber hochfest sein muss –, noch besitzen sie Atomsprengköpfe, die klein und leicht genug sind, um von solchen Raketen transportiert zu werden. Nordkorea hat sein Atomwaffenprogramm im Rahmen von Verhandlungen gestoppt, Iran seines nach Meinung amerikanischer Geheimdienste bereits 2003 aufgegeben. Selbst wenn einem von beiden Ländern also der Bau von ICBMs gelänge, – was Wissenschaftler auf absehbare Zeit für unwahrscheinlich halten – müssten sie diese Waffen auch in größeren Mengen produzieren können, um den USA gefährlich zu werden.

Nicht nur die Bedrohungslage lässt das Projekt fragwürdig erscheinen. Auch politisch ist es höchst problematisch. Russland ist ein erklärter Gegner und nicht begeistert, direkt nebenan in Europa dem Aufbau eines so großen militärischen Projekts zuzusehen. Gleichzeitig instrumentalisiert man in Moskau das Projekt gern, um eigene Machtansprüche zu demonstrieren. Und auch andere Länder in Europa haben ihre Mühe mit der Idee.

Gerade musste US-Präsident George Bush Polen versprechen, dessen Streitkräfte zu modernisieren, damit das Land beim Aufbau der GMD hilft. Auch eine Sicherheitsgarantie wollen die USA abgeben – Polen also im Ernstfall schützen – wenn sie dafür dort Abfangraketen eingraben dürfen. Nordpolen gilt den Amerikanern als bester Punkt in Europa, um ihre Interceptoren zu stationieren. Die Verhandlungen mit Tschechien, dort eine Radarstation zu bauen, sind zwar noch nicht weit gediehen, doch beide Seiten zeigen sich optimistisch. Deutschland betrachtet das Ganze jedoch mit Skepsis und ist hin- und hergerissen zwischen seinen Bündnispflichten in der Nato und der Sorge vor einem Streit mit Russland.

Mitglieder der Friedensbewegung sehen gar den Beginn eines neuen atomaren Wettrüstens und fürchten, nun würden auch noch die letzten gültigen Abrüstungsverträge zu Makulatur, während die Atomarsenale modernisiert werden.

Was zu der Frage führt, ob es nicht bessere Wege gäbe, mit einer potenziellen Bedrohung durch Atomwaffen umzugehen. Ja, sagen viele, die fordern, die USA sollten lieber verhandeln und politische Lösungen suchen, als an einer militärischen zu bauen, die noch dazu für Ärger bei Freunden und bei Feinden sorgt.