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Präsident „Bling“ zu Gast bei der Queen, dazu noch in Begleitung seiner dritten Ehefrau Carla Bruni – leicht könnte man zu dem Schluss gelangen, dass sich der Staatsbesuch von Nicolas Sarkozy als überwiegend boulevardeskes Ereignis entpuppen wird und die Medien vollauf damit beschäftigt wären, genüsslich den erwarteten „Clash of Civilizations“ zu beobachten: Hier der präsidiale Emporkömmling mit den Allüren eines Filmstars, dort die würdevolle, im Dienst der Nation ergraute Monarchin.

Gelegentlich war in den vergangenen Wochen besorgt die Rede davon, der französische Präsident mit dem Supermodell an seiner Seite könnte Königin Elisabeth die Zweite womöglich schockieren. Trüge Sarkozy Accessoires wie Aviator-Sonnenbrille und Rolex, würde die Queen „innerlich schaudern“, wurde ein Höfling zitiert; solche Gegenstände signalisierten schlechten Geschmack, dubiose Gesellschaft und „funny money“. Da reagiere die Königin sehr empfindlich.

Nun, man wird sehen, ob Sarkozy in London auf die Insignien luxuriöser Kitschkultur verzichten wird. Vieles spricht dafür. Auch Carla Bruni ist dem Vernehmen nach rasch in die Rolle einer zurückhaltenden, dezent gekleideten First Lady geschlüpft. Die Sorge vor einem „Gipfel der Trivialität“ sind vor der Ankunft des Präsidenten auf britischem Boden längst verflogen.

In beiden Hauptstädten rechnet man nicht nur mit einem „substanziellen“ Treffen. Es lassen sich Anzeichen leichter Euphorie entdecken angesichts einer erwarteten „Renaissance der Entente cordiale“, was zugleich signalisiert, dass dies ein wenig zumindest auf Kosten der Deutschen gehen wird.

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In mehr als 100 Jahren des Bestehens der Entente hat sie sich meist weder als besonders einvernehmlich und schon gar nicht als herzlich erwiesen. Ihr 100-jähriges Jubiläum, das man im Jahre 2004 beging, entpuppte sich als ziemlich frostige Angelegenheit. Chirac und Blair waren, nicht nur wegen Irak, alles andere als gut aufeinander zu sprechen. Es passte zur miesen Stimmung, dass damals die Eisenbahnzüge aus Paris noch in Londons Waterloo-Station eintrafen. Manch empfindliche französische Seele deutete das als absichtsvollen Affront des „perfiden Albions“.

Nun ist selbst dieser potenzielle Stein des Anstoßes aus dem Wege geräumt. Die Züge vom Kontinent kommen in St. Pancras an. Auch sonst sieht es vielversprechend aus: Die Ankunft Sarkozys auf der politischen Bühne hat die Voraussetzungen für eine engere britisch-französische Kooperation erheblich verbessert. Nicht nur ist er wohl der proamerikanischste Präsident Frankreichs der Nachkriegszeit; Sarkozy hat sein Land neu positioniert, ging auf Distanz zum Chirac'schen Konzept einer multipolaren Welt, das zu Recht als Versuch gedeutet wurde, eine Gegenposition gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zu entwickeln.

Anders Sarkozy: Zwar betreibt auch er, wie nicht anders zu erwarten war, eine Außenpolitik mit eigenständiger Note. Doch zugleich will er Frankreich stärker einbinden in die Nordatlantische Allianz; Die Wahl seines Außenministers war ein klares Signal: Er berief den Sozialisten Bernard Kouchner, wie Tony Blair ein „liberaler Interventionist“ und Befürworter des Irakkriegs. Vergangenen Herbst erklärte er bei einem demonstrativen Besuch in Bagdad, dass die Etablierung eines demokratischen Iraks von „essenzieller Bedeutung“ sei in der Auseinandersetzung mit dem totalitären Islam.

Dazu passt, dass Sarkozy sich nun als Retter der Nato präsentieren und als Gastgeschenk für Gordon Brown die Zusage mitbringen wird, 1000 Soldaten zusätzlich nach Afghanistan zu schicken, die dort kämpfen können. Sie sollen vornehmlich die britischen Truppen im Süden des Landes entlasten.

Aufhorchen sollte man in Deutschland angesichts der geplanten atomaren Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und Frankreich. Während Deutschland offiziell immer noch die Absicht verfolgt, die Atomreaktoren irgendwann abzuschalten und keine neuen AKWs zu bauen, schlagen die Briten den entgegengesetzten Kurs ein und wollen verstärkt auf die Atomenergie setzen, wobei die französische Expertise auf diesem Gebiet in beiderseitigem Interesse genutzt werden soll.

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AKWs produzieren fast 80 Prozent des Stroms in Frankreich, Großbritannien will den nuklearen Anteil von derzeit 20 auf 40 Prozent erhöhen. Das nukleare Kooperationsabkommen, das Sarkozy und Brown am kommenden Donnerstag unterzeichnen wollen, soll Großbritannien zu geschulten Arbeitskräften verhelfen und es beiden Ländern ermöglichen, atomare Technologie in alle Welt zu exportieren.

Paris und London entdecken derzeit verstärkt ihre gemeinsamen Interessen: Beide Länder besitzen Atomwaffen, beide sitzen im Weltsicherheitsrat der UN, beide denken gar nicht daran, auf diese Insignien einer Sonderstellung zu verzichten, und wäre es auch zugunsten einer europäischen Lösung. Das wird nicht völlig folgenlos bleiben für die deutsch-französische Partnerschaft, auch wenn London und Paris alles tun, um aufkeimendes Misstrauen auf deutscher Seite zu besänftigen.

Zwar bestehen Differenzen über die Zukunft der EU fort zwischen Paris und London. Doch sind sie weniger gravierend als in früheren Jahren, zumal nun auch die leidige Frage des europäischen Verfassungsvertrags erledigt scheint. Einig sind sich Brown und Sarkozy auch darin, dass Europa einer stärkeren verteidigungspolitischen Komponente bedarf – Blair und Chirac taten vor 10 Jahren in St. Malo einen ersten Schritt in diese Richtung, in London soll nun ein weiterer folgen.

Es hilft dem Gipfel, dass Brown wie sein französischer Gast eine „substanzielle“ Begegnung mit konkreten Vereinbarungen gut brauchen können – Sarkozy will seinen angekratzten Ruf aufpolieren und den Mangel an Seriosität wettmachen, der ihm zuletzt nachhing. Ähnlich geht es dem britischen Premier, der in den Umfragen immer weiter absackt und der im Ruf steht, ein „bottler“, ein Zauderer ohne Mut zu harten Entscheidungen zu sein.

Ein klares nukleares Bekenntnis wäre nicht nur im Interesse der langfristigen Energieversorgung Großbritanniens; Brown würde zugleich seine Entschlossenheit demonstrieren, erheblichen politischen Widerstand, der mit Sicherheit auch aus der eigenen Partei kommen wird, zu überwinden.