Kann man, darf man schon wieder über Sport reden? Oder heißt über Olympia reden für die nächsten fünf Monate über Boykott, über Politik, über Menschenrechte reden? Gerade erst hat Deutschlands Oberolympier Thomas Bach in einem ansonsten wie immer nichts-, also vielsagenden Interview mit der FAZ angedeutet: Wenn man die Spiele nicht nach China vergeben darf, kann man sie auch nicht in den Vereinigten Staaten abhalten – "einem Land, das auf einem fremden Kontinent einen nicht von den Vereinten Nationen legitimierten Krieg führt, das die Todesstrafe verhängt und auf dessen Territorium aufgrund ausdrücklicher Intervention seines Präsidenten der Geheimdienst foltern darf".

Wow, so hat man Bach ja noch nie gehört! Genau, kann man da nur sagen, keine Spiele in den USA, solange die Verhältnisse dort sind wie sie sind!

Aber zurück zur Grundfrage: Kann man schon wieder über Sport reden? Ja, klar, denn die Medienmaschine hat in rekordverdächtigem Tempo auch das Boykott-Thema bereits derart gründlich umgewälzt, dass es im Moment kaum mehr Neues zu sagen gibt. Zum vorläufigen Abschluss der Debatte an dieser Stelle eine nicht sehr gewagte Prognose: Die Spiele in Peking werden stattfinden, natürlich. Die überwältigende Mehrheit der 205 olympischen Länder wird Mannschaften nach China schicken. Es wird unglaublich verkrampft und politisch korrekt zugehen, in jede Ansprache, in jede Freude über eine Medaille wird eine verbale Tibet-Gedächtnis-Schleife eingebaut sein.

Möge der Krampf das IOC derart befallen, dass sie in Zukunft ihre Spiele ein bisschen tiefer hängen und sie tatsächlich nur noch in Länder vergeben, wo niemand willkürlich verfolgt, verprügelt, erschossen, gefoltert, inhaftiert wird! Dann sollten die Spiele 2016 nach Kopenhagen vergeben werden, denn Dänemark ist nach einer Studie der Universität Leicester das glücklichste Land der Welt.

Doch nun wirklich zurück zum Sport, zum Schwimmen. Gerade sind die Europameisterschaften zu Ende gegangen, in Eindhoven, alles war wie immer: Es gab neue Weltrekorde, und die Deutschen schwammen hinterher. Wenn sie überhaupt an den Start gingen. Nun brodelt im Deutschen Schwimmverband der Pool. Der Cheftrainer Örjan Madsen hat angedeutet, er habe eigentlich kein Verständnis für Athleten, die einem solchen Wettkampf auf höchstem Niveau aus dem Weg gingen. Die Stützpunkttrainer dagegen verweisen darauf, dass in diesem Frühjahr allein die Olympia-Qualifiaktion Ende April wichtig sei, da habe die EM trainingstechnisch nicht reingepasst.

Diese Argumentation wird ausgerechnet von einem deutschen Schwimmer ad absurdum geführt: Paul Biedermann wurde aus dem vollen Training heraus Europameister über 200 Meter Freistil und knackte dabei gleich noch den ältesten deutschen Rekord, den Michael "Albatros" Groß bei den (Boykott!-) Spielen in Los Angeles aufgestellt hatte – das war vor 24 Jahren. Da aber der Cheftrainer den anderen – anders als sein Titel suggeriert – nix zu sagen hat, muss der wahre Leistungsstand der deutschen Schwimmer ein Rätsel bleiben. Nach den Spielen wird Madsen abtreten und die Struktur umgekrempelt, dann wird der Chef wirklich der Chef sein, wie es bei den erfolgreichen Kunst- und Turmspringern jetzt schon der Fall ist. Mal sehen, ob eine neue Struktur allein die Schwimmer schneller macht.