Zuweilen erkrankt das empfindsame Gemüt an literarischer Kost. Oscar Wildes Dorian Gray wurde durch ein Buch vergiftet, dessen Titel uns der Autor verschweigt: Gegen den Strich von Joris-Karl Huysmans. Bereits kurz nach seiner Veröffentlichung wurde es zur Bibel der Décadence, zum Kultbuch, das nur wenige Leser fand. Einer von ihnen war Oscar Wilde. Seine berühmte Romanfigur ist dem Helden aus Huysmans' Buch nachempfunden. Mit einem Unterschied. Dorian Gray bezahlt seine Ausschweifungen mit dem Leben; dem völlig zermürbten Floressas Des Esseintes indes wird die Rückkehr in die Gesellschaft verschrieben.

Der Protagonist in Huysmans' Roman flieht vor der unerträglichen Banalität seines Zeitalters ins ländliche Exil, um sich an überbordenden Fantasien zu berauschen. Schwelgereien in Farben und Düften ersetzen die grobe Wirklichkeit. Nach immer neuen Sinnesreizen verlangt es den letzten Spross eines Adelsgeschlechts, das den Rest seiner Lebenskraft in blutsverwandten Vermählungen aufgebraucht hatte. Nur die Bediensteten stören gelegentlich die selbst verschriebene Isolationshaft des Aristokraten. Deren dicke Filzschuhe verhindern, dass der dekadente Dandy aus seinen Paradiesen erwacht.

Huysmans hatte dem Décadent ein Denkmal gesetzt: Kunst als Flucht vor der Wirklichkeit, radikale Autonomie des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft. Damit hatte der französische Schriftsteller flämischer Herkunft den Nerv vieler Zeitgenossen getroffen. Naturalisten und Symbolisten bejubelten das Buch, der Lyriker Stéphane Mallarmé widmete dem Protagonisten sogar ein Gedicht. Huysmans' Leser waren größtenteils intellektuelle Snobs, die dem Ich-Kult huldigten und sich abschätzig über die Massenkultur ausließen. Diese Haltung verdichtete sich in der Forderung Mallarmés, Kunst als "Streik gegenüber der Gesellschaft" zu begreifen. "Brich zusammen, Gesellschaft! Stirb, alte Welt!" ruft auch Des Esseintes, bevor er sein selbstgewähltes Asyl auf Anraten seiner Ärzte verlässt, um ins verhasste Paris zurückzukehren.

Nur der Glaube an das Reich Gottes könnte den Dandy von seiner Qual erlösen. So endet Huysmans' Roman mit einem Stoßgebet: "Herr, erbarme dich eines Christen, der zweifelt, eines Ungläubigen, der glauben möchte, eines Galeerensklaven des Lebens, der sich einschifft, allein in der Nacht, unter einem Firmament, das die tröstlichen Leuchtfeuer der alten Hoffnung nicht mehr erhellen." Sein exzentrisches Gebaren betrachtet er als Ergebnis überirdischer Verfeinerungen, das himmlische Jenseits als Gegengewicht zur gottfernen Wirklichkeit.

Diesen Glaubenskonflikt teilt er mit seinem Schöpfer, der sich immer weiter vom Naturalismus seiner Epoche entfernte. Der Aufschwung zum Übernatürlichen werde dort den Waschküchen des Fleisches und der Vergötterung des Geldschranks geopfert, heißt es zu Beginn des Romans Tief unten . Fühlte sich Huysmans einst Emile Zola als Freund und Schriftsteller verbunden, so beschritt er nun eigene Wege: Er strebte nach einem spiritualistischen Naturalismus, der Körper und Seele literarisch vereinen sollte.

Dieser Gedanke kennzeichnet besonders die späteren Werke. In Tief unten heißt der Eremit  Carhaix. Er ist ein intellektueller Glöckner, der sich im Kirchturm vor der Außenwelt abschirmt und inständig für die Herabkunft des Heiligen Geistes betet. Carhaix ist längst ein Gläubiger, sein Arzt Des Hermies ist jedoch weniger überzeugt: "Dieses Jahrhundert pfeift auf Christus in seiner Glorie; es befleckt das Übernatürliche und kotzt auf das Jenseits."

Der Schriftsteller Huysmans konvertierte zum Katholizismus, wie auch Oscar Wilde. Der mittlere Ministerialbeamte aus Paris hatte nach mehr als 30 Jahren seine Stellung aufgegeben, um als Laienbruder in einem Pariser Benediktinerkloster Zuflucht zu finden. Dort starb er 1907 nach stiller Askese an Krebs. Er hinterließ ein Werk, das durch seine sprachliche Dichte beeindruckt und sich dem Geschmack des Massenpublikums damals wie heute kategorisch verweigert.