Zunächst hat sich die Nato nach dem Ende des Kalten Kriegs als durchaus überlebenstüchtig erwiesen und die alte sicherheitspolitische Gewissheit von der begrenzten Dauer von Militärbündnissen ("Eine neue Lage sucht sich neue Bündnisse") anscheinend widerlegt. Auch den Übergang von einem klassischen Verteidigungsbündnis für Westeuropa während der Jahrzehnte des Kalten Kriegs hin zu einem Interventions- und Sicherheitsbündnis für ganz Europa, das sich in der Balkankrise herausgebildet hatte, konnte die alte Nato noch bewerkstelligen. Der seit dem 11. September 2001 stattfindende Übergang von einem regionalen hin zu einem globalen Interventionsbündnis aber droht die Allianz zu überfordern.

Zwar steht die Zukunft der Nato als globales Interventions- und Sicherheitsbündnis nicht auf der offiziellen Tagesordnung des Nato-Gipfels von Bukarest, aber genau darum wird es eigentlich gehen, wenn sich diese Woche die Staats- und Regierungschefs des Bündnisses, angeführt vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush, in der rumänischen Hauptstadt treffen werden. Auch der russische Präsident Putin hat seine Teilnahme am Nato-Russland-Rat angekündigt.

In Bukarest wird die Frage nach der Zukunft der Nato alle Akteure umtreiben, auch wenn sie kaum offen angesprochen oder gar diskutiert werden wird. Stattdessen wird es um Afghanistan gehen, um Kosovo, die zukünftige Erweiterung des Bündnisses um Georgien und die Ukraine, um die Nato-Russland-Beziehungen, die auf das Engste mit der Erweiterungsfrage verknüpft sind, sowie um den Ausbau der militärischen Fähigkeiten der Mitgliedsstaaten und damit des Bündnisses. Zudem werden drei neue Mitglieder aufgenommen: Albanien, Kroatien und Mazedonien, sofern sich hier die Namensfrage nicht als Stolperstein mit Griechenland erweist.

Und - das ist die gute Nachricht - am Ende des Gipfels von Bukarest wird ein umfängliches Dokument stehen, auf das sich alle Teilnehmer verständigen werden. Die Einigkeit des Bündnisses wird also gewahrt bleiben. Andererseits ist in all diesen für die Zukunft der Allianz wichtigen Punkten die Einigkeit im Bündnis nicht oder nur noch um den Preis von Formelkompromissen und fragwürdigen Kompromissen gegeben. Das ist die schlechte Nachricht. In Bukarest wird kein Gipfel stattfinden, der in den zentralen Streitpunkten - also der Afghanistanfrage, der Nato-Erweiterung, den Nato-Russland-Beziehungen und zu den militärischen Fähigkeiten der Mitgliedsländer - Beschlüsse von Dauer fassen wird, da es sich in Bukarest um einen Gipfel des Übergangs handelt.

Die Präsidenten Bush und Putin nähern sich bzw. befinden sich am Ende ihrer Amtszeit, wobei die Konsequenzen der Transformation Putins vom Präsidenten zum Premierminister Russlands abzuwarten bleiben. Ohne aber den neuen amerikanischen Präsidenten und seine Politik zu kennen, werden in Bukarest keine für die Zukunft der Nato belastbaren Beschlüsse getroffen werden können.

Es fällt auch auf, dass in allen drei entscheidenden Fragen von Bukarest die Bundesregierung im Widerspruch zur Regierung Bush steht. Dies ist umso erstaunlicher, als Angela Merkel ihre Kanzlerschaft außenpolitisch ausdrücklich unter der Überschrift "Stärkung der Nato" begonnen hatte.

In Afghanistan sind Deutschland und einige andere europäische Mitgliedstaaten nicht bereit, Truppen in den umkämpften Süden zu entsenden. Ganz im Gegenteil hat in der Großen Koalition in Berlin die Debatte um den Abzug der Bundeswehr begonnen, die - und dazu bedarf es keiner prophetischen Fähigkeiten - im Wahljahr wohl noch gewaltig an Fahrt aufnehmen wird.

Präsident Bush ist bereits zu schwach, wie sein aktuelles Einlenken in der Truppenfrage für den Süden Afghanistans gegenüber Deutschland zeigt. Er kann sich eine harte Konfrontation in der Nato nicht mehr erlauben. Man mache sich in Berlin allerdings keine falschen Hoffnungen, denn in den USA und einer ganzen Reihe anderer Mitgliedsstaaten ist niemand inhaltlich von Bushs Nachgeben überzeugt. Und dies gilt schon gar nicht für die drei aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten. Die Sache ist also lediglich vertagt, keineswegs aber ausgestanden.

Damit ist auch klar, dass es auf absehbare Zeit zu keiner wirklichen Überprüfung der Afghanistanstrategie des Bündnisses, geschweige denn zu einem wirklichen und gemeinsamen Neuanfang zur Stabilisierung Afghanistans kommen wird. Sowohl für das Land wie das Bündnis wäre aber ein solcher Neuanfang dringend notwendig.