Ein Wunder hat der frühere paraguayische Bischof Fernando Lugo schon vollbracht: die Abwahl der seit 1947 ununterbrochen regierenden Colorado-Partei. Doch die Wähler erwarten nun schnell mehr und werden sich nicht aufs Himmelreich vertrösten lassen. Die Bekämpfung der Korruption, eine Justiz, die Recht spricht, und mehr soziale Gerechtigkeit lauten die dringendsten Forderungen der 6,8 Millionen Bürger des abgewirtschafteten Agrarstaats. Um diesen Erwartungen und seinen eigenen Wahlversprechen während der nächsten fünf Amtsjahre gerecht zu werden, wird sich der ehemalige Kirchenmann mit Tod und Teufel anlegen müssen. Neben Glück und guten Verbündeten wird er dabei auch viel Gottvertrauen brauchen.

Lugo hat die Präsidentenwahl am Sonntag mit 40 Prozent klar gewonnen und damit einen historischen Machtwechsel erzwungen. "Ich werde für die Armen und die Schwachen arbeiten, und dieses Land soll für seine Ehrlichkeit und nicht mehr für seine Korruption bekannt sein", sagte der sozialdemokratisch ausgerichtete Politikneuling bei einer Rede vor Zehntausenden Anhängern. In den Straßen der Hauptstadt Asunción feierten unterdessen Zehntausende Menschen den Sieg Lugos und das Ende der Hegemonie der Colorado-Partei. "Lugo hat Herz", sangen die Menschen eines der Wahlkampflieder.

Die Colorado-Kandidatin Blanca Ovelar kam auf etwa 30 Prozent und gestand ihre Niederlage ein. "Die Ergebnisse sind unumkehrbar und wir erkennen den Triumph Fernando Lugos an", sagte sie nach der Auszählung von knapp 90 Prozent der Stimmen. In beiden Kammern des Parlaments verfehlte Lugo mit seiner Patriotischen Allianz für den Wandel (APC) jedoch eine Mehrheit. Die APC besteht aus zehn Parteien und einem Dutzend sozialer Bewegungen von ganz links bis rechts. Auf Platz drei kam mit 21,8 Prozent der frühere Putschist und General im Ruhestand Lino Oviedo. Platz vier belegte der Unternehmer Pedro Fadul, für den 2,4 Prozent stimmten.

Neben der Bekämpfung der Korruption hatte Lugo im Wahlkampf eine Agrarreform und eine gerechtere Verteilung der Gewinne aus dem gemeinsam mit Brasilien betriebenen Wasserkraftwerk Itaipú angekündigt. Bei diesen Vorhaben dürfte er allerdings auf erbitterten Widerstand der Großgrundbesitzer, Brasiliens und der Colorado-Partei stoßen. Die Colorado-Partei, die etwa eine Millionen Mitglieder hat und damit die mit Abstand größte Organisation des Agrarstaats ist, hatte es seit dem Ende der Diktatur des deutschstämmigen Alfredo Stroessner 1989 nicht geschafft, die Bedürfnisse der breiten Massen zu befriedigen.

Obwohl Paraguay ein großer Erzeuger von Soja und Rindfleisch ist, deren Weltmarktpreise in den vergangenen Jahren explodiert sind, lebt die Mehrheit der Menschen in Armut. Unter Amtsinhaber Nicanor Duarte Frutos kam der Geldsegen aus den Agrarexporten nur einer kleinen Minderheit zugute. Während Nachbarländer wie Argentinien und Uruguay sich wirtschaftlich erholen konnten, kehrten deshalb immer mehr Paraguayer der wirtschaftlichen Not in ihrer Heimat den Rücken und wanderten vor allem nach Spanien aus.

Bei der Korruptionsbekämpfung bekommt Lugo es mit einem aufgeblähten Beamtenapparat zu tun, der während der vergangenen sechs Jahrzehnte von der ununterbrochen regierenden Colorado-Partei beherrscht wurde. Die Justiz ist langsam und genießt bei den Menschen keinerlei Vertrauen. Vor allem der deutschstämmige Diktator Alfredo Stroessner, der das Land zusammen mit den Colorados zwischen 1954 und 1989 regierte, verwandelte Paraguay in ein autoritäres, korruptes und von Vetternwirtschaft geprägtes Land.
 
Den Wahlerfolg Lugos erklärt der Soziologe Marcial Cantero mit dem "wirtschaftlichen und sozialen Verfall" des Landes. Die Menschen hätten die Arbeitslosigkeit und Armut einfach satt gehabt, sagt Cantero. "Lugo zog viele Wähler an, die alles wollten, nur keine weiteren fünf Jahre Colorado-Herrschaft", meinte auch der Hochschullehrer Tomás Palau. Die Schonzeit für Lugo werde nur kurz sein. Sollte er jedoch scheitern, werden sich die Paraguayer vielleicht schon bald wieder nach den Colorados zurücksehen. So wie heute noch viele Menschen Stroessner nachtrauern.