ZEIT online: Herr Brachinger, als im Winter die Inflationsrate über drei Prozent kletterte, haben viele noch gesagt, das werde sich einpendeln. Jetzt gab es für den März wieder so hohe Werte ...

Hans Wolfgang Brachinger: Ja, und die Inflationsraten werden auf Monate hinaus auf diesem hohen Niveau bleiben. Inzwischen hat sich nämlich gezeigt, dass der von manchen Gesundbetern zum Jahresbeginn erhoffte statistische Basiseffekt nicht eingetreten ist – dass also die Inflationsraten von Januar 2008 an deutlich zurückgehen würden, weil die Mehrwertsteuererhöhung vom Januar 2007 ausgestanden ist.

ZEIT online: Wie sind Ihre Prognosen für 2008?

Brachinger:
Die Inflation wird weiter auf dem derzeitigen Niveau verharren. Wir rechnen damit, dass sie erst gegen Jahresende wieder sinkt. Die durchschnittliche Jahresrate 2008 wird bei 2,9 Prozent liegen.

ZEIT online: Wer ist schuld daran?

Brachinger: Die Weltnachfrage nach Nahrungsmitteln wird hoch bleiben, deshalb werden die Preise dort auch nicht massiv sinken. Vor allem aber ist die im Umlauf befindliche Geldmenge zu groß. Die Europäische Zentralbank (EZB) kann diese Entwicklung nur über eine konsequente Geldpolitik steuern.

ZEIT online: Sie meinen, die Zinsen sollten raufgesetzt werden?

Brachinger: Das ist komplexer. Auch falls die Notenbank jetzt massiver gegen die Inflation vorgeht, wirkt das nicht von heute auf morgen. Man sollte der EZB auf jeden Fall dankbar sein, dass sie in der letzten Zeit tapfer an den vier Prozent Leitzins festgehalten hat. Obwohl es wegen der weltwirtschaftlichen Abkühlung und der Finanzkrise viele Rufe gab, die Zinsen zu senken.

ZEIT online: Richtig gefährlich werden Preissteigerungen ja erst, wenn sie von selber neue Preissteigerungen nach sich ziehen. Etwa weil höhere Löhne gefordert werden. Sind wir jetzt so weit?

Brachinger: Ja, dieser Prozess ist in Deutschland schon voll im Gange. Die überall hörbaren Forderungen nach kräftigen Lohnerhöhungen sind unmissverständliche Vorboten. Auf jeden Fall werden Lohnerhöhungen nicht gerade inflationsreduzierend wirken. Steigen die Löhne, so steigen die Produktionskosten, und dies wird wo immer möglich auf die Preise überwälzt.

ZEIT online: Das sind die sogenannten "Zweitrundeneffekte", von denen Ökonomen sprechen.

Brachinger: Ja. Wenn es gelingt, diese im Zaum zu halten, dann sollten sich die jährlichen Inflationsraten wieder auf einem Niveau von unter zwei Prozent stabilisieren. Aber wir werden uns in Geduld üben müssen. Dieses Szenario ist erst für 2009 denkbar.

ZEIT online: Was treibt denn diese Zweitrundeneffekte an?

Brachinger: Zweitrundeneffekte werden durch Lohnerhöhungen verursacht, die das Ergebnis von Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind. Verhandlungsgrundlage sind hier natürlich erst einmal die amtlichen Inflationsraten. Da wird argumentiert: Bei drei Prozent Inflation brauchen wir erst einmal einen Inflationsausgleich von drei Prozent, und dann kommt die eigentliche Lohnsteigerung oben drauf.