In seinem ersten Interview seit Ausbruch der Finanzkrise hat der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), Jochen Sanio, strengere Regeln für die Finanzindustrie gefordert. „Hinter uns liegen bald zwei Jahrzehnte der Deregulierung; deren Ergebnis ist jetzt zu besichtigen“, sagt Sanio gegenüber der ZEIT .

Er plädiert für eine internationale Kontrolle von Ratingagenturen: „Ich denke, es ist nur recht und billig, die Agenturen internationalen Standards zu unterwerfen, die im weltweiten Konsens aller Wertpapieraufseher verabschiedet werden. Die bisherigen Verhaltensregeln müssen schnell verschärft werden. Und damit die verschärften Regeln künftig auch eingehalten werden, sollten eigentlich auch internationale Kontrollstrukturen geschaffen werden.“ Er stehe „ziemlich fassungslos vor dem Versagen der amerikanischen Ratingagenturen“, so der Aufseher. 

Das Financial Stability Forum, ein internationaler Zusammenschluss der Finanzaufseher, setze sich dafür ein, die Bedeutung der Agenturen herabzustufen. „Unter den Aufsehern gibt es eine klare Präferenz dafür, dass sich Investoren bei ihren Anlageentscheidungen nicht ausschließlich auf die Beurteilung von Ratingagenturen stützen sollten. Sie müssen fähig sein, die Risiken strukturierter Produkte selbst zu analysieren. Wer die Kosten dafür nicht tragen will, sollte – so fordert es auch der Bericht des Financial Stability Forums – die Finger von strukturierten Produkten lassen“, sagt Sanio. 

Indirekte Kritik übt Sanio auch an der lange zögerlichen Haltung der amerikanischen Notenbank Federal Reserve. Ursache der Verwerfungen sei, dass die amerikanischen Immobilienfinanzierer „in immer größerem Umfang Kredite auch an kreditunwürdige Personen ausgereicht“ hätten. „So etwas darf nie wieder passieren, und die US-Notenbank Federal Reserve ist jetzt auch darangegangen, die Anforderungen an die Vergabe von Subprime-Hypotheken zu verschärfen.“

Zugleich kritisierte Sanio die hohen Abfindungen für Bankmanager. Sie seien eine Ursache der Marktturbulenzen. In dem Interview prangert er „die schlechte Angewohnheit“ an, „Personen, die ein Unternehmen an die Wand gefahren haben, den verdienten Abgang mit einem goldenen Handschlag zu versüßen“.

„Als Aufseher interessiert mich an diesen Unsitten in erster Linie, dass aus ihnen ein weiterer, gravierender moral hazard erwächst: Die gewinnabhängige Bezahlung von Topmanagern – wie sie heute konstruiert ist, auf Jahresbasis – setzt den starken Anreiz, die Gewinne kurzfristig zu steigern. Das geht meist nur, wenn man höhere – zu hohe – Risiken in Kauf nimmt“, sagt Sanio. Unter diesem Gesichtspunkt seien „die Gehaltsstrukturen in den Finanzhäusern durchaus ein Thema, will man Schwachstellen im internationalen Finanzsystem beseitigen“.