Seit Ende des Kalten Kriegs gibt es neben Afrika, südlich der Sahara, kaum eine andere Region, die so anhaltend von Konflikten, Krisen, Gewalt und Kriegen erschüttert wird wie der Nahe Osten. Parallel dazu war diese westasiatische Region in eine merkwürdige Entwicklungsstarre verfallen, während sich Süd- und Ostasien in derselben Zeit daranmachten, mittels der Globalisierung die Alleinstellung der westlichen Mächte und Japans erfolgreich anzugreifen.

Die Dynamik des Nahen Ostens schien sich nahezu ausschließlich auf die Sphäre der Politik und der Ideologie übertragen zu haben. Es wurde fast immer in irgendeinem Teil dieser großen Region gekämpft oder gar Krieg geführt.

Ein revolutionärer Nationalismus war die vorherrschende Ideologie und bis auf die arabische Halbinsel - mit Ausnahme des Jemen und des Sonderfalls Libanon - waren nationalistische Militärregierungen die Regel. Der israelisch-palästinensische Konflikt, der im Kern der Kampf zweier Nationalbewegungen um dasselbe Land war und ist, stand auch deshalb im Zentrum dieser so konfliktreichen Region.

Wenn man heute aber durch den Nahen Osten reist, so kann man erstaunliche Veränderungen, ja sogar weitgehende strategische Verschiebungen feststellen. Die Region ist in Bewegung geraten, der Nahe Osten teilt sich in Alt und Neu, statische und dynamische Länder, Gesellschaften und Akteure. Ihre zahlreichen Konflikte und Krisen aber sind geblieben. Der ständig steigende Ölpreis und die US-Intervention im Irak sind für diese Veränderungsdynamik nicht die alleinigen, wohl aber die entscheidenden Ursachen.

Der Irak, Israel, Palästina und der Libanon definieren zwar nach wie vor die wichtigsten regionalen Krisenherde, aber im Nahen Osten hat im Gefolge des Desasters des Irakkriegs eine Verschiebung des regionalen machtpolitischen Gravitationszentrums weg vom israelisch-palästinensischen Konflikt in Richtung Persischer Golf stattgefunden.

Dort droht nun eine indirekte Konfrontation zwischen Iran und Saudi-Arabien um die Hegemonie und zwischen Iran und den USA um die regionale Vormachtstellung.

Die USA verfolgten im Irak seit 2003 eine revolutionäre Politik, die den vorherigen machtpolitischen Status quo zerstört hat, ohne über eine Alternative zu verfügen. Diese Politik der USA im Irak führte zu vier sehr weitreichenden strategische Veränderungen in der Region, die alle nicht in ihrem Interesse und dem ihrer regionalen Verbündeten sind:

Erstens wurde Iran in seinen hegemonialen Ambitionen entfesselt und in eine Position gehievt, die er aus eigener Kraft wohl niemals hätte erreichen können. Teheran wird wohl bis heute sein Glück nicht fassen können.

Zweitens hat die Demokratisierung des Iraks zu einer schiitischen Mehrheit geführt, die einen erheblichen Einfluss- und Machtgewinn für den schiitischen Iran bedeuten. Zudem wurde durch die Politik der USA im Irak der jahrhundertealte Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten mit den aktuellen macht- und geopolitischen Konflikten in der Region aufgeladen, zum machtpolitischen Stellvertreterkonflikt und damit auf die gesamte Region ausgedehnt.

Drittens sieht sich Saudi-Arabien durch den Aufstieg Irans existenziell bedroht, denn es fürchtet mittelfristig wohl zu Recht um die territoriale Integrität des Landes. Im ölreichen Nordosten des Landes leben mehrheitlich Schiiten, die sich bis zur Gründung Saudi-Arabiens 1932 eher in Richtung Basra und Kerbala im Irak orientiert hatten als in das Zentrum der Halbinsel. Eine von Teheran dominierte schiitische Regierung in Bagdad ist deshalb für die saudische Führung ein Albtraum, den sie nicht einfach hinnehmen wird.

Sollte es viertens Iran am Ende gar gelingen, Nuklearmacht zu werden, so würden damit die bereits vorhandenen existenziellen Ängste der Saudis dramatisch eskalieren. Zudem würde die bisherige konventionelle Machtwährung im Nahen Osten weitgehend entwertet werden. Die Folge wäre ein nuklearer Rüstungswettlauf der wichtigsten regionalen Mächte.

Der Hegemonialkonflikt am Golf ist zum neuen Zentralkonflikt des Nahen Ostens geworden, der alle regionalen Subkrisen fortan auf neue Weise miteinander verbindet. Dies gilt auch für den israelisch-palästinensischen Konflikt. Es nützt also wenig, wenn man hier nun auf die Nuklearmacht Israel hinweist, denn weder hat diese einen nuklearen Rüstungswettlauf ausgelöst, noch ist sie der Grund für die nuklearen Ambitionen Irans. Diese liegen zum geringeren Teil im iranischen Sicherheitsbedürfnis (der Krieg mit dem Irak Saddam Husseins und nicht Israel sind dabei von zentraler Bedeutung) und zum überwiegenden Teil in einer nationalen Prestigepolitik der gegenwärtigen iranischen Führung begründet. Ihr Ziel ist, dass Iran eines Tages die regionale und vielleicht sogar globale islamische Vormacht wird.

Die Konsequenzen der Verschiebung dieses machtpolitischen Gravitationsszentrums im Nahen Osten sind auch im israelisch-palästinensischen Konflikt und im Libanon mit Händen zu greifen. Gegen Iran und seine lokalen Verbündeten - Hisbollah im Libanon und Hamas in Palästina - geht dort fast nichts mehr.

Der von Präsident Bush eingeleitete Verhandlungsprozess zwischen Präsident Abbas und der israelischen Regierung vermittelt deshalb auch den Eindruck eines leer drehenden Getriebes. Hinter dieser diplomatischen Übung scheinen sich die Akteure in Wirklichkeit bereits auf eine Fortsetzung des Konflikts als die realistischere Perspektive eingestellt zu haben.

Im Irak selbst geht es auch um die Frage, ob das Land entgegen der ethnischen und religiösen Konfrontation (Kurden und Araber bzw. Sunniten und Schiiten) zusammengehalten werden kann oder nicht. Ein Zerfall des Iraks wäre in seinen Folgen für die Nachbarn vermutlich noch unkontrollierbarer und könnte tatsächlich die „Balkanisierung“ der Region nach sich ziehen.

Die meisten Grenzen im Nahen Osten sind erst nach dem Ersten Weltkrieg, während der anglo-französischen Kolonialherrschaft oder gar noch später entstanden und sind nicht nur zwischen Israel und den Palästinensern bis heute umstritten. Vor allem rund um den Persischen Golf geht es dabei immer auch um die Kontrolle von Öl- und Gasressourcen.  Zudem war die Staatlichkeit im Nahen Osten seit dem Ende des Ottomanischen Reiches niemals besonders stark entwickelt. Eine Balkanisierung, also eine Neugestaltung der Grenzen im Nahen Osten würde die bereits vorhandene Erosion von Staatlichkeit noch weiter verstärken und damit objektiv nichtstaatliche Akteure, etwa Terrorgruppen wie al-Qaida, weiter stärken.

Jenseits davon würde aber auch die Vorherrschaft Irans weiter gestärkt werden, der über eine sehr alte und stabile Staatlichkeit verfügt.

Überall im Nahen Osten hört man die Verschwörungstheorie, dass die Schwächung oder gar Aufspaltung der arabischen Staaten, beginnend mit dem Irak, das eigentliche Ziel der Politik der amerikanischen Konservativen und Israels sei. Abgesehen davon, dass im Falle Irak Blindheit, Arroganz und Inkompetenz die entscheidenden Faktoren der US-Politik waren, so würde eine Zersplitterung der Staatenwelt des Nahen Ostens keineswegs Israels Position stärken, sondern ganz entscheidend die Irans.

Die gegenwärtigen Veränderungen im Nahen Osten sind Folge historischer Prozesse. Der traditionelle arabische Nationalismus hat sich erschöpft und die auf ihm gründenden Militärregimes können die drängenden ökonomischen, politischen und kulturellen Modernisierungsfragen nicht oder nur noch unzureichend beantworten. Die Zeit eines laizistischen arabischen Nationalismus läuft damit ab.

An seine Stelle tritt Schritt für Schritt ein politischer Islam, der sich erfolgreich sowohl der nationalen wie auch der sozialen Frage bemächtigt hat. Am weitesten fortgeschritten ist dieser Prozess in Palästina, wo die islamistische Hamas in Gaza die nationalistische Fatah von Präsident Abbas bereits völlig von der Macht verdrängt hat. Eine ähnliche, wenn auch keineswegs so radikale und schnelle Entwicklung zeichnet sich in Syrien und  Ägypten ab, während in den arabischen Teilen des Iraks dieser Prozess im Gefolge der US-Intervention bereits stattgefunden hat.

Nicht nur die Erschöpfung und Korruption des traditionellen arabischen Nationalismus, sondern auch der von den USA mittels des Irakkriegs begonnene Demokratieexport laufen objektiv auf eine Stärkung des politischen Islam hinaus und machen diesen absehbar zur dominierenden Kraft des neuen Nahen Ostens. Eine ernsthaft liberal-laizistische Modernisierungsalternative ist in diesen Ländern (mit Ausnahme Irans) bis auf weiteres nicht in Sicht.

Die entscheidende Frage wird nun sein, ob der politische Islam sich in Richtung Demokratie und Modernisierung bewegt oder im Radikalismus und der Beschwörung der Vergangenheit gefangen bleibt. Diese Schlacht wird gegenwärtig nicht in der Region, sondern ganz entscheidend in der Türkei geschlagen. Es scheint aber nicht so zu sein, dass Europa die strategische Bedeutung der Zukunft der Türkei versteht.

Angetrieben durch den immer höher steigenden Ölpreis hat parallel zu diesen strategischen Veränderungen in den Anrainerstaaten des Persischen Golfs auch eine ökonomische Modernisierung begonnen, welche die traditionellen Modernisierungsblockaden langsam aufzulösen beginnt und die Integration von Teilen der arabischen Welt in die Globalisierung vorantreibt.

Diese verschiedenen, teilweise sich widersprechenden Veränderungen werfen drei Fragen auf, die heute noch nicht beantwortbar, gleichwohl aber für die Zukunft der Region entscheidend sind: Welcher Prozess wird schneller und erfolgreicher verlaufen, die ökonomische Modernisierung oder die politische Islamisierung und Radikalisierung? Wird die Verbindung von politischem Islam, ökonomisch-sozialer Modernisierung und demokratischer Modernisierung in der Türkei gelingen? Und wird der Hegemonialkonflikt mit Iran zu einer militärischen Konfrontation führen oder politisch gelöst werden können?

Wenn die neue Dynamik im Nahen Osten eine neue regionale Sicherheitsordnung und Konfliktlösungen oder zumindest Konflikteindämmung mit sich bringt, dann besteht Anlass zu Optimismus. Wenn diese neue Dynamik aber die zahlreichen regionalen Krisen und Konflikte eskalieren lässt, dann wird der neue Nahe Osten in Zukunft eine noch sehr viel gefährlichere Region als der alte werden.