ZEIT online: Nach Take That und den Backstreet Boys haben auch die New Kids On The Block (NKOTB) wieder zusammengefunden. Was hat es mit der Rückkehr der inzwischen gealterten Jungsgruppen auf sich?

Silke Borgstedt: Boygroup-Vereinigungen sind zunächst ein Teil der Revival-Kultur. In immer kürzeren Zyklen und variantenreicheren Spielarten erleben wir Retro-, Cover- und Best-of-Trends. Etablierte Stars und ihre Hits garantieren starke Umsätze, ob nun als abendfüllendes Recyclingprogramm im Fernsehen – man denke an Deutschland sucht den Superstar – oder in Form eines klassischen Comebacks. Die meisten Boygroups sind jedoch in der Vergangenheit nicht einfach nur abgetaucht. Ihre aufwendig inszenierte Wiedervereinigung setzt eine genauso medienwirksame Trennung voraus. Man erinnere sich an die Take-That-Sorgentelefone und Fan-Lager vor dem Berliner Hilton Hotel.

ZEIT online: Wie erklären Sie sich die große Medienaufmerksamkeit, die solche Wiedervereinigungen mit sich bringen?

Borgstedt: Allein die Ankündigung der Wiedervereinigung hat einen hohen Aufmerksamkeitswert. Das merkt man schon daran, dass wir hierzu ein Interview führen, noch bevor auch nur ein einziges NKOTB-Konzert stattgefunden hat.

ZEIT online: Die Fans haben mit den Boybands einen Großteil ihrer Jugend verbracht. Jetzt sind sie erwachsen.

Borgstedt: Es geht den Veranstaltern auch um die Remobilisierung der Zielgruppe: Die ehemals treue Anhängerschaft ist inzwischen in den Dreißigern angekommen und investiert weniger Energie und Geld in popkulturelle Neuentdeckungen. Sie ist, bedingt durch die Lebensphase, derzeit vor allem mit Job und Familie beschäftigt. Sie konzentriert sich kulturell auf Bewährtes – eventuell noch das aktuelle Album der Lieblingsband besorgen oder zum entsprechenden Konzert fahren –, aber dann hört es häufig schon auf. Was ist da praktischer, als wenn die alten Helden einfach ins Wohnzimmer zurückkehren?

Man ist zudem inzwischen so alt, dass die Teenie-Hits nicht mehr peinlich, sondern reif für eine Renaissance sind. Es passt zum postmodernen Chic der Entkoppelung von Musikgeschmack und Lebensphase. Und bewirkt die strahlende Beleuchtung der Kategorie Was wurde eigentlich aus ... nicht auch die Bewältigung des damaligen Trennungstraumas, wenn man plötzlich feststellt, dass auch die ehemals Angehimmelten nicht jünger, schöner und schlanker geworden sind?

ZEIT online: Welche Rolle spielen dabei die individuellen Karrieren der Bandmitglieder? Jonathan Knight von den NKOTB war nach der Trennung der Gruppe jahrelang im Immobiliengeschäft tätig.