Besonders für die irakischen Minderheiten ist die neueste Ankündigung des Terrornetzwerks al-Qaida der blanke Horror. Denn im Klartext richtet sich die Audiobotschaft des al-Qaida-Vizes Ayman al-Sawahiri auch an sie: Man wolle den Irak zum Zentrum des Kampfes gegen die „Ungläubigen“ machen.

Lange Zeit wurde ihr Schicksal allgemein ignoriert, trotz der stetigen Mahnung westlicher Diplomaten in Bagdad, dass sie zu den „am stärksten gefährdeten Irakern“ zählen. Das scheint sich nun zu ändern. Seit einigen Wochen drängen Kirchenvertreter die deutsche Politik, verfolgten irakischen Christen Schutz zu gewähren und sie hier aufzunehmen. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) setzt sich nun ebenfalls dafür ein, ihnen in Europa Zuflucht zu gewähren.

Seit Beginn der US-Invasion im Irak 2003 leiden besonders die Christen und die anderen nicht-muslimischen Minderheiten in dem Land unter dem Terror und den fehlenden staatlichen Strukturen. Die aufständischen Islamisten beschuldigen sie der Kollaboration mit dem Westen, für sie gelten sie als dessen „fünfte Kolonne“, und sie machen die Christen deshalb für den Krieg und die anschließende Besatzung mitverantwortlich.

Die Christen im Irak sind zudem ein besonders leichtes und deshalb beliebtes Ziel für Entführer und Todesschwadrone. Nicht nur, weil viele von ihnen wohlhabend sind, sondern vor allem, weil sie – im Gegensatz zu den Sunniten und Schiiten – weder über Stammesstrukturen noch Milizen verfügen, die sie schützen könnten.

Jeder christliche Flüchtling aus Bagdad oder Mossul kann Horrorgeschichten erzählen, von Angehörigen, die von Lösegelderpressern entführt wurden, von christlichen Friseuren, die von langbärtigen Terroristen massakriert wurden, weil ihre Kunden „unislamische Haarschnitte“ hatten. Von den christlichen Bewohnern des Bagdader Stadtteils Doura verlangten Islamisten im vergangenen Frühjahr zunächst, „Schutzgeld“ zu entrichten, später zudem den Übertritt zum Islam. Schließlich ließen sie mehr als hundert Familien nur fliehen, nachdem sie ihren ganzen Besitz zurückgelassen hatten.

Anfang April dieses Jahres wurde ein syrisch-orthodoxer Priester in Bagdad ermordet, nachdem man im März den chaldäisch-katholischen Erzbischof von Mossul tot aufgefunden hatte. Paulos Faradsch Raho hatten radikale Muslime im Februar entführt. Viel größer ist die Zahl unbekannter Opfer, die in keiner Statistik Erwähnung finden. Mord, Vertreibung und Anschläge auf Kirchen gehen weiter.