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Sie meinen, fettarmer Joghurt sei leichte Kost? Weit gefehlt: Damit er trotz seiner Magerkeit noch schmeckt, versetzt ihn die Nahrungsmittelindustrie mit großen Mengen Zucker – und der macht dick. Beworben wird er dennoch als Schlankmacher, wie ziemlich viele vermeintlich gesunde Produkte. Weil Übergewicht aber in vielen Ländern zu einem gewaltigen Gesundheitsproblem erwächst, sollen die Nahrungsmittelkonzerne künftig ehrlich sein und ihre Produkte klar kennzeichnen.

Darüber, wie das geschehen soll, streiten Industrie, Politik und Verbraucherschützer in ganz Europa. In Deutschland wird eine „Ampel“ nach britischem Vorbild diskutiert. Das System mit vier Punkten in den drei Ampelfarben soll für den Konsumenten leicht zu durchschauen sein. Fett- oder zuckerlastige Produkte, zum Beispiel Chips oder der besagte Joghurt, würden mit einer roten Kennzeichnung versehen. Gelb oder grün hieße, dass nur mäßig oder wenig vom heiklen Stoff im Nahrungsmittel steckt. Doch die Industrie will die Ampel nicht. Wie der Streit ausgeht, ist offen.

In Frankreich sind die Fronten zwischen Politik und Industrie ähnlich verhärtet. Auf zweierlei Art will die Regierung dort Fettleibigkeit bekämpfen: Sie plant, Auslagen mit Süßigkeiten aus dem Kassenbereich von Supermärkten zu verbannen, und sie will, dass im Fernsehen weniger Werbung für bestimmte Produkte gezeigt wird, deren Zielgruppe Kinder sind. Das teilte die Ministerin für Gesundheit, Jugend und Sport, Roselyne Bachelot, am 5. Februar mit. Eine von ihrem Ministerium bestellte Expertengruppe traf sich am 25. März in Paris, um Vorschläge zu entwickeln, wie solcherlei Fernsehwerbung zu reduzieren sei.

Die Ministerin appellierte an das freiwillige Engagement der Unternehmer. Zugleich warnte sie jedoch, sie werde sich für gesetzliche Maßnahmen einsetzen, falls der Appell nichts nütze. Rund 100 Abgeordnete haben bereits einen entsprechenden Gesetzentwurf unterzeichnet. Vertreter der französischen Lebensmittelindustrievereinigung (Association Nationale des Industries Alimentaires – ANIA) ihrerseits entschieden sich, die Arbeit der regierungsamtlich eingesetzten Expertengruppe zu boykottieren. Sie hätten den Eindruck, die Industrie werde zum „Sündenbock“ für ein gesamtgesellschaftliches Gesundheitsproblem gemacht, beklagten sie.

Drei Viertel der Franzosen halten eine abwechslungsreiche, gesunde und ausgewogene Ernährung für die wichtigste Grundlage einer gesunden Lebensweise. Das ergab eine von dem französischen Meinungsforschungsinstitut IFOP am 20. und 21. Februar im Auftrag der Lebensmittelindustrie durchgeführte Umfrage, für die eine repräsentative Gruppe von 1000 Personen befragt wurde. Von ihnen halten 41 Prozent eine unausgewogene Ernährung für die Hauptursache von Fettleibigkeit bei Kindern, und 47 Prozent finden, dass die Lebensmittelindustrie den Kampf gegen die Fettleibigkeit unterstützen sollte. Was aber tun die Unternehmen?

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Der Druck auf die Konzerne wächst. Falsche Ernährung, Übergewicht und ihre gesundheitlichen Folgen sind weltweit zum Problem geworden – nicht nur in Industrieländern. In den Schwellenländern wächst die Mittelschicht. Dies hat die Ernährung dort nachhaltig verändert: Alleine der Fleischbedarf könnte sich bis zum Jahr 2020 verdoppeln. Für die westlichen Lebensmittelfirmen liegt darin zwar eine Chance, denn in den Industrieländern müssen sie strenge Herkunftsbestimmungen befolgen, die in den aufstrebenden Staaten noch nicht gelten. Doch zugleich bergen die neuen Märkte auch Risiken.

Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge waren schon im Jahr 2005 mehr als 1,6 Milliarden Erwachsene übergewichtig, 400.000 von ihnen fettleibig. Die Zahl der Dicken wird bis zum Jahr 2015 auf 2,3 Milliarden steigen. Übergewicht gilt als Ursache zahlreicher Krankheiten: Manche Quellen führen 21 Prozent aller Herzinfarkte, einen beachtlichen Teil aller Krebs- und 68 Prozent aller Diabeteserkrankungen darauf zurück. Diabetes bereitet den Gesundheitsbehörden besondere Sorgen. Die Zahl der Zuckerkranken soll in den kommenden zehn Jahren um 50 Prozent steigen. Die Europäische Union sagt voraus, dass die durch Fettleibigkeit und Folgekrankheiten verursachten Kosten im Jahr 2006 bereits sieben Prozent des gesamten Gesundheitsbudgets ausmachten.

Etwas dagegen zu unternehmen versuchen die Regierungen seit Jahren. Seit 2003 sind die Regeln, denen sich Lebensmittelhersteller unterwerfen müssen, in den Industrieländern und einigen aufstrebenden Staaten, unter ihnen China, Singapur und Brasilien, massiv ausgeweitet worden. Die Firmen sind aufgefordert, Konsumenten besser über die Inhaltsstoffe bestimmter Produkte zu informieren, die Bewerbung ausgewählter Produktkategorien einzuschränken oder spezifische Inhaltsstoffe ganz zu verbieten. Transfettsäuren zum Beispiel sollen die Konsistenz von Speisen verbessern, sind aber aufgrund ihrer gesundheitlichen Folgen umstritten. In New York und in den Vergnügungsparks des Disney-Konzerns sind sie seit einiger Zeit per Gesetz komplett vom Speiseplan gestrichen.

Durch den wachsenden politischen Druck wird der Spielraum der Konzerne enger. Die Unternehmen reagieren. Ein Anfang machten sie schon vor Jahren, indem sie die ersten Produkte als „light“ deklarierten. Wie eine Studie der Großbank Goldman Sachs vom Februar 2007 zeigt, klebte auf zwei Dritteln der von Kelloggs zwischen 2002 und 2005 neu auf den Markt gebrachten Produkte entweder ein „light“-Etikett, oder sie wurden mit dem Anspruch beworben, aus ähnlichen Gründen die Gesund der Konsumenten zu fördern. Gleiches gilt für 40 Prozent der Produkte von Danone und Coca-Cola und für fast 30 Prozent der Produkte von Nestlé, Unilever und Kraft. So wird Gesundheit zum Marketing-Argument.

Heute bemühen sich die Lebensmittelhersteller, ihr gesamtes Angebot unter der Gesundheitsflagge am Markt zu positionieren. Zuweilen müssen sie sich dann von Esswaren trennen, die ihrem neuen Image am meisten schaden, oder sie versuchen, den Anteil bestimmter Nährstoffe quer durch ihre ganze Produktpalette zu senken. Danone etwa verkauft bestimmte Kekse nicht mehr. Nestlé plant, den Salzgehalt seiner Produkte bis zum Jahr 2010 um 25 Prozent zu reduzieren. Ihr Zuckergehalt soll bis 2012 um 16 Prozent sinken.

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Diese Veränderungen sind in den großen europäischen Firmen sehr viel weiter fortgeschritten als unter den amerikanischen Konkurrenten. Das zeigen die Daten, die Ernst & Young für diese 13. Ausgabe der Le Monde /Eurosif-Nachhaltigkeitsindikatoren zusammengetragen hat (vgl. Tabelle) , die in Kooperation mit La Stampa (Turin), El Pais (Madrid), ZEIT online (Hamburg) und Le Temps (Genf) erscheinen. Dennoch, so meint Eric Munier, Berater in der Abteilung für Umwelt und nachhaltige Entwicklung bei Ernst & Young, fehlten noch immer „präzise Angaben über die Beschaffenheit und die Menge der Zutaten im Herstellungsprozess sämtlicher Produkte, die es erlauben würden, Vergleiche anzustellen und abzuschätzen, wie groß die Bemühungen, gefährliche Inhaltsstoffe zu reduzieren, tatsächlich sind“. Obwohl die Politik Druck macht, herrscht noch lange keine Transparenz.

Vielleicht hilft es da, dass auch manche Investoren Aufschluss über den Inhalt der Esswaren fordern. Denn je wichtiger Übergewicht bzw. Fettleibigkeit von der Politik genommen werden, desto eher können Lebensmittelhersteller, die das nicht kümmert, geschäftliche Einbußen erleiden – etwa, wenn ihre Verkaufszahlen aufgrund von strengerer Vorschriften oder etwaiger Reputationsverluste sinken oder sie mehr Geld in Forschung und Entwicklung stecken müssen. Um abzuschätzen, wie groß dieses Risiko für die verschiedenen Akteure auf dem Markt ist, untersuchen beispielsweise Analysten des Finanzdienstleisters Oddo Securities den Anteil einzelner Produktlinien wie Eiskrem, Mayonnaise oder Süßigkeiten an den Verkaufszahlen und dem Betriebsgewinn jedes Unternehmens – Produkte übrigens, mit denen die Konzerne den höchsten Gewinn erzielen. Für die Etiketten einzelner Esswaren, für Ampel oder andere Kennzeichnungen interessieren sich die Oddo-Leute dabei nicht.

„Selbst wenn wir uns die Etiketten nicht Produkt für Produkt ansehen, erhalten wir dennoch einen guten Eindruck von dem vorhandenen Risiko“, erklärt Jean-Philippe Desmartin, Leiter der sozial verantwortlichen Investmentforschung bei Oddo. „Dies gilt vor allem, weil die Lebensmittelzusätze, die dazu dienen sollen, den vorhandenen Zucker-, Salz- und Fettgehalt zu reduzieren, eine ebenso hohe Unsicherheit in Bezug auf ihre Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit aufweisen.“ Der politische Streit um das bestmögliche Konsumentenleitsystem – Ampel oder nicht – geht derweil weiter.