1. Die Nahrungsmittelpreise steigen, weil die Chinesen alles wegessen! Falsch
berichtet Georg Blume, Chinakorrespondent der Zeit , aus Peking

China gilt als einer der Hauptverantwortlichen für die Ernährungskrise. Gebetsmühlenartig verweisen einige Nahrungsmittelprognostiker auf den steigenden Lebensmittelbedarf im bevölkerungsreichsten Land der Welt und warnen vor katastrophalen Folgen.

Und liegen sie nicht einfach, die Dinge? Mit wachsendem Wohlstand konsumieren die Chinesen mehr Fleisch und Milchprodukte, deshalb brauchen sie mehr Futtermittel, größere Anbauflächen, folglich höhere Importe. "China ist für 40 Prozent des weltweiten Anstiegs des Sojabohnen- und Fleischverbrauchs in den vergangenen zehn Jahren verantwortlich", sagt Mark Thirlwell vom International Lowy Institute in Sydney.

Was fehlt, sind die Beweise. Bisher stimmt es einfach nicht, dass die Chinesen dem Rest der Welt das Essen vom Teller klauen. Man nehme den Reis, eins der wichtigsten Grundnahrungsmittel Asiens: Da gab es schon einmal Engpässe. Aber in diesem Jahr, berichtet das Pekinger Wochenblatt Economic Observer , habe es sogar eine Überproduktion von Reis gegeben. In Nordostchina koste eine Tonne Reis derzeit umgerechnet 240 bis 260 Euro, viel weniger als der Weltmarktpreis von 760 Dollar.

Da könnte China sogar zum Reisexporteur werden (im Augenblick besteht aber noch ein Exportverbot). China führt auch mehr Fleisch aus als es importiert, und das Land deckt seinen Bedarf an den allermeisten Getreiden selbst. Weizen und Mais werden sogar noch exportiert.

Chinesische Experten - und sie sind nicht mehr allein - sehen in der Volksrepublik nicht mehr den Auslöser für  die heutige Ernährungskrise. Sondern sie betrachten das Land ganz im Gegenteil als erfolgreiches Modell, wie man ihr entkommt. "China hat zu den aktuellen Lebensmittelpreissteigerungen nicht entscheidend beigetragen", sagt Xue Guangjian, Leiter der Lebensmittel- und Landwirtschaftskampagne von Greenpeace in Peking.

Und die künftigen Steigerungen? Was werden die Chinesen verspeisen, wenn sie noch reicher werden? Die Wahrheit ist: Im Schnitt ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch in China schon mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Die Bevölkerung wächst nicht dramatisch, also können die Steigerungsraten nicht exorbitant ausfallen.

Professor Huang Jikun, der an der Chinesischen Wissenschaftsakademie das Zentrum für chinesische Landwirtschaftspolitik leitet, sagt: "Die Probleme liegen nicht bei China, sondern woanders. Nämlich bei den Energiepreisen und den Bio-Treibstoffprogrammen."

Wie aber verhält es sich mit anderen asiatischen Staaten, die gerade zu Wohlstand kommen und deren breite Mittelschichten ihre Konsumgewohnheiten umstellen? Josef Schmidhuber, ein Fachmann der Nahrungsmittelorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom, glaubt nicht an die Geschichte vom großen asiatischen Hunger. "Das Bevölkerungswachstum in Asien nimmt doch drastisch ab", sagt er, "und in vielen Ländern ist jetzt ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Im übertragenen Sinne und ganz wörtlich".