Eine Partei und ihre Kandidaten verzweifeln an ihrem Glück. Endlich sind die Wähler wieder von den Demokraten begeistert, strömen Junge, Alte, Schwarze, Weiße und Braune in Massen zu den Vorwahlen, verlieren selbst viele Unabhängige und Republikaner ihr Herz an einen demokratischen Präsidentschaftsbewerber. Und trotzdem haben sie ein riesiges Problem, alle drei: Hillary Clinton, Barack Obama und die Partei.

Clinton, die strahlende Siegerin von Pennsylvania, will möglich machen, was nach Adam Riese eigentlich unmöglich ist. Sie will auf den letzten Metern die Nominierung kapern. Obama, der eigentlich uneinholbar vorn liegt, will zeigen, dass er auch im Endspurt noch zulegen kann. Vor allem will er beweisen, dass er allen Zweifeln zum Trotz die kleinen Leute aus der Mitte Amerikas gewinnen und den Republikaner John McCain im November schlagen kann.

Am Ende jedoch wird die Demokratische Partei mit ihren an kein Wählervotum gebundenen 796 Sonderdelegierten entscheiden müssen, wen sie im Herbst ins Rennen um das Weiße Haus schickt, den Afroamerikaner oder die Frau. Denn ohne die Stimmen der Sonderdelegierten – von der Partei ernannte Senatoren, Abgeordnete und Prominente – wird keiner der beiden das nötige Quorum für seine Nominierung erlangen. Ein in diesem Jahr undankbarer, gar höllischer Job, denn wer will in diesem erbitterten Kopf-an-Kopf-Rennen Schiedsrichter spielen? Je länger der Ausscheidungswettbewerb dauert, desto mehr zerreiben sich die Kontrahenten, desto größer wird der Schaden und umso kleiner die Chance, die Republikaner aus dem Oval Office zu vertreiben. Dennoch kann die Partei jetzt nicht „Stopp“ rufen, ohne zugleich die euphorisierten Anhänger Clintons oder Obamas zu verprellen. Der Kampf muss ausgefochten werden, wahrscheinlich bis zum bitteren Ende.

Nach den Regeln der Mathematik müssten die Demokraten mit Barack Obama in die Präsidentschaftswahl ziehen. Er liegt nach Wählerstimmen und der danach festgelegten Delegiertenzahl vorne. Diesen Vorsprung kann Hillary Clinton auch mit Siegen in weiteren Bundesstaaten kaum wettmachen, es sei denn, man zählte ihre Erfolge in Florida und Michigan hinzu. Das aber verstieße gegen die von der Partei festgelegten Regeln. Weil die Demokraten dieser beiden Bundesstaaten ihre Vorwahlen verabredungswidrig nach vorne verschoben haben, müssen diese Stimmen eigentlich unter den Tisch fallen.

Clinton sieht das aus eigenem Interesse jetzt natürlich anders. Aber ungeachtet dessen bereitet der Partei vor allem ein Argument ihrer eisernen Lady große Kopfschmerzen: Vergesst mal die Mathematik, sagt sie, schaut auf meine Siege in den vielen großen und für uns wichtigen Staaten. Und schaut vor allem auf die Zahlen und Statistiken. Ihr braucht im Herbst einen Kandidaten, der auch die traditionellen Demokraten, die wertkonservativen Wähler auf dem Land und in den kleinen Städten gewinnen kann, sonst geht die Wahl gegen John McCain verloren. Dieser Kandidat, der das kann, bin ich!

In der Tat hat Barack Obama hier ein Problem, und das nicht erst seit seinen Bemerkungen über die kleinen Leute Amerikas und den Ausfällen seines Pastors. Dieses Problem ist auch ziemlich groß, was der Sieg Clintons in Pennsylvania gerade wieder sehr deutlich gemacht hat: Viele Menschen mit einem geringen Einkommen und großen Alltagssorgen trauen ihm nicht recht. Ebenso wenig jene vielen weißen Leute in der Mitte des Landes, die fest an Gott Glauben, sonntags in die Kirche gehen und hart arbeiten. Einen großen Teil von ihnen aber muss man gewinnen, wenn man Präsident von Amerika werden will. Diese fehlenden Stimmen kann Obama auch nicht mit Erfolgen bei Afroamerikanern, bei Studenten und im liberalen Bürgertum ausgleichen, selbst wenn ihm diese Wähler in Massen zuströmen. Er muss jetzt wieder einmal zeigen, dass seine Anhängerschaft weit gefächerter ist als bei den letzten Wahlgängen – zum Beispiel mit einem Sieg in Indiana am 6. Mai.

Hillary Clinton will dort natürlich ebenso siegen und wird jetzt alles tun, um das zu erreichen. Sie steckt ebenso in Schwierigkeiten, sogar in weit größeren – und nicht nur, weil sie insgesamt hinterherhinkt. Sie konnte nur rasant aufholen, weil sie von der Obama-Skepsis profitiert, weil sie ihren Konkurrenten als „elitär“ und Schönredner „ohne Bodenhaftung“ porträtiert. Doch je mehr Clinton die Zweifel an ihrem Konkurrenten nährt, desto größer wird die Gefahr, dass ihre Kampagne bittere Züge bekommt und sich die Leute enttäuscht von ihr abwenden. Die Amerikaner mögen keine negativen Wahlkämpfe, und bei manchen werden böse Erinnerungen an die schlimmen Grabenkämpfe der Clinton-Jahre wach, als Bill im Weißen Haus regierte und Hillary gegen eine „rechte Verschwörung“ zu Felde zog. Es hat außerdem etwas Verlogenes, wenn die Senatorin aus New York lächelnd erklärt, sie möchte sich mit Obama nur über Sachthemen streiten, wo sie doch jede Gelegenheit für Tiefschläge nutzt.

Schließlich hat die ehemalige First Lady große Geldsorgen. Nach dem Sieg in Pennsylvania fließen zwar wieder die Dollars, aber sie steht bei den Banken mit zehn Millionen Dollar in der Kreide und schuldet auch sich selber noch fünf Millionen, die sie ihrer klammen Kampagne vor einigen Monaten vorgeschossen hat. Obama verfügt hingegen über ein fettes finanzielles Polster. Das hat ihm in Pennsylvania zwar nicht besonders geholfen, wo er für die Fernsehwerbung dreimal soviel ausgegeben hat wie Clinton. Gleichwohl ist ein prall gefülltes Konto recht hilfreich für die nächsten harten Etappen.

Am Ende jedoch kommt es auf die Superdelegierten an. Sie werden warten und bangen und darauf hoffen, dass der 6. Mai eine Vorentscheidung bringt. Was aber, wenn Obama dort kein K.o.-Sieg gegen Clinton gelingt? In der Haut der Demokratischen Partei möchte man derzeit nicht stecken, obwohl es ihr angesichts der großen Euphorie eigentlich glänzend gehen müsste.